Das Concertgebouw Orchester Amsterdam unter Mariss Jansons und die Göteborger Symphoniker unter Alexander Briger eröffnen das Berliner Musikfest
(Berlin, 5. und 6. September 2008) Messiaen, Bruckner und Stockhausen stehen im Zentrum des diesjährigen Berliner Musikfests. Die Reihung mag erstaunen, doch gibt es durchaus Verbindungen zwischen diesen so unterschiedlichen Komponisten. Verbindungen, die in ihrer Religiosität, bzw. Spiritualität zu finden sind. Für alle drei Komponisten spielte die religiöse, bzw. spirituelle Ausrichtung ihres Lebens eine bedeutende Rolle. Während Bruckner traditionell katholisch war und z.B. seine neunte Symphonie in beinahe kindlicher Frömmigkeit "dem lieben Gott" widmete, lebte Messiaen ein Christentum mit pantheistischen Aspekten. Stockhausen dagegen lebte eine ganz eigene kosmische Spiritualität, die aber auch auf's Christentum bezogen war. Die Tatsache, dass Messiaen in diesem Jahr 100 und Stockhausen 80 Jahre alt geworden wären, gibt der Auswahl eine weitere - freilich rein äußerliche - Begründung.
Zwei der Schwerpunktkomponisten standen auch auf dem Programm des Eröffnungskonzerts, das das Amsterdamer Concertgebouw Orchestra unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons in der Philharmonie bestritt: Messiaen und Bruckner. Messiaens "Hymne" stammt aus dem Jahr 1932, ging dann verloren und wurde vom Komponisten selbst 1946 rekonstruiert. Das Werk des erst 24Jährigen ist freilich noch sehr geprägt vom großen Vorbild Debussy, wenngleich sich schon hier einiges vom späteren Messiaen abzeichnet: die blockhafte Anordnung der Klänge, die akkordischen Schichtungen oder auch die ruhevollen, kontemplativen liegenden Klänge, die musikalische Meditationen sind. Die Musiker des Concertgebouw unter Jansons spielten das mit wunderbarer Klarheit und Strukturiertheit, ohne dabei auf Opulenz im Klang zu verzichten. Manchmal vibrierte die Musik regelrecht vor Spannung.
Vor Bruckners dritter Symphonie streute Jansons noch Francis Poulencs 1938 entstandenes, selten zu hörendes Orgelkonzert ins Programm. Ein Werk religiöser Gestimmtheit, das schon mit seinem dramatischen Orgelbeginn den Bezug zu Bach sucht (und doch nicht wirklich findet). Wenig überzeugend schwankt das Stück zwischen expressiven Ausbrüchen und schlichtem Sakralkitsch, manchmal klingt das Soloinstrument gar wie eine Kirmesorgel. Es blieb bei allem Religionsbezug unverständlich, warum Jansons ausgerechnet dieses Werk wählte.
Interessanterweise klang der Beginn von Bruckners Dritter danach in seiner instrumentalen Geschlossenheit fast wie von einer Orgel gespielt, womit Jansons eine verblüffende Verbindung zwischen dem Orgelkonzert und der Symphonie herstellte - was die Klangaura betrifft.
Doch bei aller spieltechnischen Perfektion und Brillanz der Amsterdamer Musiker wies die Interpretation deutliche Schwächen auf. Jansons ließ das Werk seltsam vordergründig und pauschal klingen, setzte auf Effekte, wo Tiefgang gefragt ist. Bei ihm gab es nur schwarz oder weiß, laut oder leise, beinahe übergangslos: Jedes zweifache Forte war ein dreifaches, jedes Crescendo in Lichtgeschwindigkeit auf dem Höhepunkt, wie bei einer Orgel, wenn man den Tutti-Knopf drückt. Am Geist der Musik ging dieses quasi olympische Schneller-Höher-Lauter ziemlich vorbei. Bruckner sportiv, nicht spirituell, Extremkontraste statt differenzierter Abstufungen, knalliges Auftrumpfen statt eindringliches Entwickeln.
Ganz und gar un-showhaft, dabei dennoch eindringlich und intensiv zeigte sich dagegen tags darauf das Göteborg-Symphonie Orchester mit einem höchst anspruchsvollen Programm mit Werken von Messiaen, Eötvös und Skrjabin. Der Dirigenten-Komponist Peter Eötvös musste krankheitsbedingt absagen, für ihn sprang der junge hochbegabte Australier Alexander Brieger ein und übernahm das gesamte Programm. Wiederum gab es ein frühes Messiaen-Stück zur Eröffnung: "Le Tombeau resplendissant", zu deutsch etwa "das leuchtende Grabmahl". Messiaen schrieb das Stück 1931 unter dem Eindruck des Todes seiner Mutter. Beinahe spätromantisch im Gestus ist es geprägt von Wut und Trotz gegen das Unabänderliche, wendet sich dazwischen und am Ende aber einem besänftigenden sich Fügen zu.
Verblüffend folgerichtig erklang danach Eötvös' "Seven - Memorial for tue Columbia Astronauts", entstanden 2006 im Gedenken an die 2003 explodierte Raumfähre mit sieben Astronauten an Bord.
Erst 2007 hatte Pierre Boulez das Stück in Luzern aus der Taufe gehoben, den Violinsolopart spielte damals wie jetzt Akiko Suwanai. Ihre ätherischen Geigensoli, sekundiert von flirrenden und sirrenden Orchesterstimmen veranschaulichen das leuchtende Himmelsblau, die gleissende Helle in die die Raumfähre emporschoss. Dazu immer wieder Momente der Unruhe, des sorgenvollen Bangens. Jedem der Astronauten hat Eötvös einen Violinpart zugewiesen, sechs Geiger sind im Raum verteilt, Suwanai, die den Hauptpart zu spielen hat, steht auf der Bühne. Brieger und die Göteborger Symphoniker ließen das Werk zu einem eindringlichen und bewegenden Memorial für die verstorbenen Astronauten werden.
Nach der Pause gaben sich die Schweden als nicht minder begabte Spätestromantiker zu erkennen. Skrjabins hymnische dritte Symphonie von 1904 erklang als unendlicher Strom sehrenden Verlangens nach Selbstbehauptung und Liebe. Eine fantastische Leistung des Orchesters und eine überragende von Alexander Brieger.
Robert Jungwirth