Wohnen und Komponieren


"Musiker und ihre Häuser" von Gérard Gefen (Text), Christine Bastin + Jacques Evrard (Fotos) Knesebeck Verlag,
 200 Seiten, mit 221 meist farbigen Abbildungen
Preis 24,90 Euro. ISBN 978-3-89660-080-6

Es muß eine heitere ländliche Idylle gewesen sein, in der die Schriftstellerin George Sand zusammen mit ihren beiden Kindern und Frédéric Chopin wohnte. Das zweistöckige Schloß in Nohant, 1770 erbaut, hatte sie von ihrer Großmutter geerbt. Es ist nicht gerade prunkvoll, eher schlicht, dabei von angenehmer, freundlicher Atmosphäre. Sieben Sommer hat Chopin hier verbracht, bis zu seinem Tod 1849 in Paris. Hier hat er die b-Moll und die h-Moll-Sonaten komponiert, ein gutes Dutzend Mazurken, die dritte und vierte Ballade, die As-Dur Polonaise. Der Komponist schätzte die Mischung aus Geselligkeit und Abgeschiedenheit in diesem kleinen Schloß ebenso wie George Sand: "Mein Unterricht mit Maurice und Solange findet jeden Tag statt, sogar sonntags, von mittags bis fünf Uhr. Wir essen im Freien, Freunde kommen zu Besuch, mal der eine, mal der andere; man raucht, plaudert, und in der Abenddämmerung, wenn alle wieder fort sind, spielt mir Chopin auf dem Klavier vor; danach schläft er wie ein Kind, zur gleichen Zeit wie Maurice und Solange. Ich aber lese und bereite den Unterricht für den nächsten Tag vor."

Das hohe, mit weißgestrichenem Holz verkleidete Eßzimmer und die weitläufige Küche mit dem großen Kamin, dem Backofen und den zahllosen Kupferpfannen, die es dort noch immer zu sehen gibt, zeugen vom Stellenwert, den geselliges Leben für George Sand hatte. Einfache Nachbarn, wie Doktor Papet, der vergeblich versuchte, den lungenkranken Chopin zu kurieren, kamen zu Besuch, aber auch Berühmtheiten aus Paris wie Franz Liszt, Honoré de Balzac, Pauline Viardot und Eugène Delacroix.

Die großformatigen, schön ausgeleuchteten Photographien von Christine Bastin und Jacques Evrard spiegeln die Stimmung wider, wie sie zur Zeit von George Sand und Frederic Chopin geherrscht haben mag. Eine von Klarheit und geschmackvoller Einfachheit geprägte Atmosphäre.

Wie anders dagegen wirken die Räume jener norditalienischen Villa, die Giuseppe Verdi 50 Jahre lang bewohnte. Räume mit üppigen Tapeten und schweren Vorhängen, dunklen, reich verzierten Möbeln. Für die Gestaltung und Einrichtung seines Hauses, nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Roncole entfernt, hat Verdi viel Zeit und Mühe verwendet. Seine Lebensgefährtin Giuseppina Strepponi beklagte sich darüber in einem Brief an eine Freundin: "Dann wurde Verdi Architekt. Und während des Bauens, ich sage Ihnen, wanderten die Betten, Kasten und alle Möbel von Zimmer zu Zimmer. Abgesehen von der Küche, dem Keller und den Ställen haben wir in fast jeder Ecke des Hauses einmal gegessen und geschlafen."

Häuser von 23 Komponisten porträtieren die Autoren Gérard Gefen, Christine Bastin und Jacques Evrard mit Photographien und kurzen, aber überaus anschaulichen und informativen Texten, vermitteln so einen Eindruck von der jeweiligen Arbeits- und Wohnatmosphäre, wie sie die Komponisten umgeben hat.
Ob, und wenn ja, welche Rückschlüsse von diesen Einblicken auf die Musiker selbst und auf deren Werke gezogen werden können, diese Frage kann sich jeder Leser selbst beantworten. Spekulationen dieser Art spart das Buch erfreulicherweise aus.

Robert Jungwirth