Wie die Alten singen...

Gesund durch aktives Musizieren - 15 Jahre Musik-Akademie für Senioren

Nicola Heise, Klavier- und Gesangspädagogin, legt der älteren Dame die Hände in den Nacken und auf den Rücken. "Lassen Sie mal ganz locker, den Kopf nicht nach vorne - ja, genau so. Jetzt mal nur die erste Strophe!" Und plötzlich erklingen ganz andere Töne: runder, voller, strahlender. "Das ist Ihre Stimme, so muss sie klingen!" ruft Nicola Heise, und zu den übrigen Seminar-Teilnehmern gewandt: "Ist das nicht unglaublich?" Zustimmendes Gemurmel.

Ein gutes Dutzend Männer und Frauen haben sich zum Seminar "Kunstliedgestaltung" im Nordkolleg im schleswig-holsteinischen Rendsburg versammelt, in einem großzügigen Raum mit holzverkleideten Wänden, Balken an der Decke und hohen Fenstern mit Blick in einen prächtig blühenden Garten. Im Halbkreis sitzen sie um zwei Flügel gruppiert, die jüngsten sind Mitte 60, die Älteste ist 85. Vier Tage lang beschäftigen sie sich mit Liedern, von Mozart, Schumann oder Brahms, die sie zuhause einstudiert haben. Für jeden steht täglich eine Stunde Unterricht auf dem Plan; die anderen hören zu oder ziehen sich in einen der Übungsräume zurück, um das neu Gelernte auszuprobieren. Nicola Heise feilt an Aussprache und Atemtechnik, gibt Tipps fürs Zusammenspiel, arbeitet an Tonvorstellung und Klang, lässt ihre Schüler gelegentlich auf dem Rücken liegend singen oder an die Wand gelehnt - und hilft ihnen fürsorglich wieder auf die Beine. Ob sie mit Kindern, Jugendlichen oder älteren Menschen arbeitet, macht für sie inhaltlich keinen Unterschied: "Es ist natürlich insofern etwas anderes, als niemand mehr professionelle Ambitionen hat", meint sie, "aber am Anspruch, den ich an meinen Unterricht habe, ändert das nichts, ich versuche, mit jedem so zu arbeiten, dass ich das Beste aus ihm heraushole."
Das Seminar "Kunstliedgestaltung" ist eins von rund 40, die die Musik-Akademie für Senioren, kurz MAS, alljährlich in verschiedenen Städten quer durch Deutschland anbietet, mit insgesamt etwa 900 Teilnehmern.

Als Gründer und Leiter lenkt Ernst-Ulrich von Kameke die Geschicke der Akademie. Lange Jahre war der inzwischen 81-Jährige Organist an der Hamburger Hauptkirche St. Petri und Professor für Orgel an der dortigen Musikhochschule. Nach seiner Pensionierung wollte er seine reichhaltige Erfahrung weitergeben - und zwar an Menschen, für die es bis heute kaum musikpädagogische Angebote gibt: die "Generation 50 plus". 1992 hat er daher die bis heute bundesweit einmalige Einrichtung ins Leben gerufen. Nach Art einer musikalischen Universität bietet sie eine breite Palette an Themen, die in Form mehrtägiger Seminare behandelt werden. "Wir arbeiten hier, als wenn wir Schulkinder wären, behandeln uns allerdings etwas höflicher und haben auch mehr Freude, weil ja keiner gezwungen wird. Es steht weder eine Zensur noch eine Lehrerkonferenz, geschweige denn ein Examen im Hintergrund, es ist pure Freude an der Musik." Vorträge zu musikgeschichtlichen Epochen oder zu einzelnen Komponisten stehen auf dem Programm, Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt, aber auch Reisen in kulturhistorisch interessante Regionen, im kommenden Jahr nach Dresden, Bad Kissingen und Stockholm. Und wer ein bisschen praktische Erfahrung mitbringt, kann an Kammermusik-, Chor- oder Orchesterkursen teilnehmen - jeder ist willkommen.

"Die Motivation steht im Vordergrund, aber auch die Freude, Dinge im hohen Alter zum ersten Mal machen zu können", erklärt Ernst-Ulrich von Kameke. Die Teilnehmer eines Chor-Seminars in Kloster Loccum hat er einmal mitgenommen zu einem Schloss in der Nähe von Neustadt in Holstein, "dort stehen 60 Cembali aus England aus dem 18. Jahrhundert. Und dann darf eine 80-jährige zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt Cembalo und dann gleich so ein wunderbares Instrument spielen, Sie können sich vorstellen, wie happy die sind. Und das" - ein verschmitztes Lächeln - "macht mir altem Knaben natürlich auch Spaß."

Die Lebensgeschichten der meisten Teilnehmer ähneln sich: Viele haben in ihrer Jugend Klavier oder Geige gespielt oder in einem Chor gesungen, manche sogar ein Musikstudium absolviert oder in der Kirche Orgel gespielt, dann kamen die Kriegs- und die Nachkriegszeit; finanzielle Umstände und die zeitliche Belastung durch Beruf und Familie zwangen sie, die Musik an den Nagel zu hängen. Nach der Pensionierung dann haben viele die alten Noten wieder hervorgekramt. Martin Henzler zum Beispiel, 72 Jahre alt und Physik-Professor im Ruhestand: Er hat zwar sein ganzes Leben lang Klavier gespielt, aber nie Unterricht gehabt; seit er vor fünf Jahren zur MAS gekommen ist, hat er das nachgeholt. Und als ihm ein Schlaganfall das Klavierspielen vorübergehend unmöglich machte, konzentrierte er sich ganz aufs Singen. 70 Jahre alt war er, als er bei einem professionellen Opernsänger die erste Gesangsstunde seines Lebens hatte, und, so erzählt er nicht ohne Stolz, im Blattsingen war er "besser als seine eigentlichen Schüler". Seither hat er eine Menge gelernt, "man kann auch als Senior im Singen noch etwas dazulernen!"

Dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu erwecken, sieht Akademie-Leiter Ernst-Ulrich von Kameke als eine seiner wichtigsten Aufgaben an. Überhaupt geht er ganz gezielt auf die Bedürfnisse älterer Menschen ein. Das fängt schon damit an, dass die Seminare nicht im miefigen Hinterzimmer einer Volkshochschule stattfinden, sondern in landschaftlich reizvoller Umgebung und in ansprechenden Unterkünften. Die Dozenten werden sorgfältig ausgewählt, viele sind Universitäts- oder Hochschul-Professoren. Und ganz besonders hat von Kameke die psychologischen Befindlichkeiten seiner Klienten im Blick, denn "die technischen Voraussetzungen, bedingt durch die unterschiedlichen Lebensläufe, sind ja ganz verschieden: Da kommt eine Dame von 62 Jahren an und spielt mir auswendig einen Satz aus einer Bach-Partita vor, die andere ist zwei Jahre jünger und spielt recht und schlecht eine kleine Haydn-Sonate, dann muss ich aufpassen, dass die eine nicht Komplexe vor der anderen kriegt. Die alten Menschen lernen bei uns, dass der Lebenslauf ganz eng mit der persönlichen Leistung verbunden ist." Und die Teilnehmer werden als Persönlichkeiten ernst genommen: "Zu einem Universitätsprofessor für Chemie kann ich nicht sagen, Sie, da haben Sie cis gespielt, das muss anders werden, sondern das muss partnerschaftlich, freundschaftlich, gleichberechtigt vor sich gehen - das tut es aber auch."

Das Gemeinschaftserlebnis spielt für die Seminarteilnehmer eine große Rolle. "Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht in der MAS wäre, das hab ich schon manchmal überlegt", sagt die 85-jährige Elisabeth-Charlotte Büge nachdenklich. Die zierliche weißhaarige Frau mit den lebhaften Augen ist schon seit der Gründung der Musik-Akademie vor 15 Jahren dabei. Damals hing sie "zuhause ein bisschen herum", und ihre Tochter erzählte ihr, im benachbarten Travemünde sei "etwas los mit Musik", also ist sie dort hingegangen - und seither immer wieder gekommen. Sie genießt es nicht nur, ihre alten Fähigkeiten am Klavier aufzufrischen, sondern auch, auf Gleichgesinnte zu treffen, mit denen sie sich über Musik austauschen kann - "man landet nicht so schnell beim Kochen und Babykram und solche Sachen". Mit manchen ihrer Kommilitonen hat sie Freundschaft geknüpft, man trifft sich auch außerhalb der Seminare und lädt sich gegenseitig zum Geburtstag ein. Und gemeinsam genießt man das Gefühl, noch etwas Neues zu lernen, erklärt Johannes Neumann. Wie Elisabeth Charlotte Büge besucht der pensionierte Leiter einer Gesamtschule das Kreativ-Seminar, das Ernst-Ulrich von Kameke einmal im Jahr anbietet – eine ganz besondere Veranstaltung, bei der die Teilnehmer selbst komponieren, Gedichte vertonen oder kleine Instrumentalstücke schreiben. Und die eigene Kreativität zu entdecken, sei etwas ganz Besonderes: "dass man merkt, man ist noch längst nicht am Ende mit seiner Entwicklung, trotz des Alters von 75 oder 82, sondern dass man auch in dieser Hinsicht noch Zukunftsmöglichkeiten sieht und Veränderungsmöglichkeiten und Steigerungsmöglichkeiten. Und das ist gerade im Alter sehr wichtig."

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