Ein Hauch von Spiritismus

Jörg Widmann Foto: Schott Verlag

Werke von Dillon, Reimann, Pintscher und Widmann beim musica viva festival

(München, 9. Februar 2008) Täuscht es oder nimmt die Bereitschaft des (Münchner) Publikums zu, sich auf neue Klänge einzulassen? Jedenfalls kann man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die Konzerte des ersten musica viva festivals (noch bis noch bis zum 15. Februar) besucht. Nicht nur die zahlreichen Konzerte, sondern auch ein zweitägiges Symposion zum Thema "Kunst und Experiment" sind hervorragend besucht. Ganz offensichtlich wächst in den Reihen der Klassikinteressierten das Bewusstsein dafür, dass Musik nicht nur eine Museumskunst, sondern auch eine Gegenwartskunst ist. Das ist erfreulich. Dass sich zudem in jüngerer Zeit mehr und mehr "Quereinsteiger" unter die in der Wolle gefärbten Teutöner mischen, wie der Brite James Dillon, der auf Erfahrungen in einer Rockband und einem Dudelsackensemble zurückblicken kann, ist ebenfalls nur positiv zu werten. Gerade die Ghettoisierung und sektiererische Abgrenzung von Neue-Musik-Zirkeln hat die Zugänglichkeit und damit die Auseinandersetzung mit Neuer Musik unnötig lange sehr behindert.

Dillons "Navette" von 2001 ist ein mit gewaltigen Klangschichtungen arbeitendes Orchsterwerk, meist flächig breit in schwebender, indifferenter Tonalität. Unter der Oberfläche grummelt und brodelt es gewaltig, und mithin entlädt sich die Spannung mit eruptiver Kraft. Hier meldet sich eine durchaus eigenständige Stimme zu Wort, von der man gerne Weiteres hören möchte.

Wieviel anders dagegen wirkt Aribert Reimanns geradezu altmeisterliches Werk "Cantus" von Klarinette und Orchester. 2005 hat er es dem Klarinettisten Jörg Widmann auf den Leib geschrieben. Der führte das Stück jetzt auch in München auf. Schon im Titel drückt sich ja etwas Altmeisterliches aus, "Cantus" lat. für Gesang. Eine feingesponnene Melodielinie der Klarinette durchzieht den Raum zu Beginn wie ein langer Spinnfaden, der durch die Luft segelt, kontrastiert von metallischen Klängen des Klaviers und des Schlagwerks. Später treten tiefe Bläser und Streicher hinzu wie düstere Nachtgestalten. Reimann differenziert das klangliche Geschehen in dem reduzierten Orchester sehr stark aus, erzeugt ein vielgestaltiges kontrastierendes Spiel zwischen Soloklarinette und einzelnen Instrumenten oder Instrumentengruppen. Bemerkenswert wie kenntnisreich Reimann die Möglichkeiten der Klarinette hier zur Geltung bringt, kongenial und mit enormer Spannungsgeladenheit von Jörg Widmann verlebendigt. Begleitet wurde Widmann von der unter Christoph Poppen den gesamten Abend sehr engagiert aufspielenden Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Zweifelsohne markierte dieses Stück der Höhepunkt des Abend.

Dagegen kam auch Matthias Pintschers expressiv aufgeladene Gesangsszene "Herodiade-Fragmente" nach Mallarmé nicht an, wenngleich die Sopranistin Marisol Montalvo so einiges an Verführungskunst aufzubieten hatte. Dem sirenenhaften Gesangspart, der gleichwohl zu heftigen Ausbrüchen fähig ist, steht ein durch interruptive Klanggesten gekennzeichnetes Orchester gegenüber.

Schlußpunkt und leider kein Höhepunkt war Jörg Widmanns Orchesterwerk "Armonico" aus dem Jahr 2006, das seine deutsche Erstaufführung erlebte. Zwei Instrumente, eine ominöse Glasharmonika und ein im Diskant fiependes Akkordeon stehen im Zentrum eines flirrenden und sirrenden Klangbilds ohne sonderliche Kontur. Ein Hauch von spiritistischer Sitzung macht sich breit, wenn die Glasharmonikaspielerin durch Pedalantrieb und Handauflegung die unterschiedlich großen rotierenden Glasröhren zum Schwingen bringt, ihnen körperlose, unwirkliche Töne entlockt. Wenn sie an einer Stelle auch noch zu singen anfängt, wird es doch etwas zuviel an Esoterik. Man fühlt sich unwillkürlich an schlechte Horrorfilme erinnert.

Robert Jungwirth