Musik von Olivier Messiaen, Younghi Pagh-Paan und Eliott Carter bei der "Musica Viva" im Herkulessaal der Residenz
(München, 14. Januar 2012) Das zweite Abonnementskonzert der "Musica Viva" zeigte schon eine Fusion der Stilrichtungen, die der neue Musica-Viva Leiter Winrich Hopp seiner ersten Saison verordnet hat. Im Herkulessaal der Münchner Residenz traf der Franzose Olivier Messiaen auf den Amerikaner Eliott Carter. Dazwischen kam die in Süd-Korea geborene Komponistin Younghi Pagh-Paan mit einer Uraufführung zu Ton. Es spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Emilio Pomárico.
Hier Messiaen - da Carter: der denkbar größte Gegensatz. Während Messiaens "Couleurs de la Cité Céleste" von 1963 mit kammermusikalischer Besetzung für Klavier, Bläser und Schlagzeug auskommen, beschäftigt Eliott Carter in seiner von 1993 bis 1996 entstandenen "Symphonia: sum fluxae pretium spei" (nach einem Gedicht des englischen Dichters Richard Crashaw) das denkbar größte Orchester. Die BR-Musiker zeigten sich von beiden Herausforderungen gleichermaßen inspiriert; Sorgfalt im Detail beherrschte beide Darbietungen. (Und man soll nicht glauben, dass Carters Riesenbesetzung das Sich-Verstecken hinter oder neben dem Pultnachbarn gestatte.) Klar war unter der Leitung Pomáricos zu hören, wie die genaue klangliche Kontur die Wirkung des fast einstündigen Werkes bestimmt, wie Carter bei einem dunklen Grundton die Möglichkeiten der großen Orchesterbesetzung abtastet und den Hörer immer wieder neuen Klangereignissen aussetzt.
Das Publikum im ausverkauften (!) Herkulessaal wusste diesen Einsatz von Dirigent und Orchestermusikern sehr wohl zu würdigen und bedachte sie zum Abschluss mit ausgiebigem Applaus. Das war letztendlich auch ein großer Erfolg für Hopps Konzept, die "Musica Viva" nicht in erster Linie als Uraufführungs-Reihe zu sehen sondern als einen Ort für die Begegnung mit den Klangwelten der gesamten "Neuen" Musik - das heißt auch mit Stücken, die bereits eine längere Geschichte haben und daher sehr wohl wieder gehört werden wollen und auch müssen.
Die Uraufführung hingegen umgibt zwar die Aura des bisher Ungehörten, birgt aber auch das Risiko, nicht dringend noch einmal gehört werden zu wollen. Diese Dringlichkeit wollte sich bei "Hohes und tiefes Licht", einem Doppelkonzert für Violine, Viola und Orchester von Younghi Pagh-Paan, nicht einstellen. Von 2009 bis 2011 hatte sie an der gerade 10-minütigen Komposition gearbeitet - um einen "Weg" zu finden, um "zum Licht" zu gelangen, wie Pagh-Paan in einem Interview im Programmheft sagt. Es ist schwierig, diesen Weg nachzuvollziehen oder gar das Licht. Die Komposition hört sich monochrom an, eine dichte Klangtextur, aus der keine eigenen Reflexe heraustreten wollen, nicht einmal als Beitrag der Solistinnen Melise Mellinger, Violine, und Barbara Maurer, Viola. Ungünstig natürlich, dass durch diese Besetzung gleich der Gedanke an Mozarts brillante Symphonia Concertante KV 364 wachgerufen und eben deshalb massiv enttäuscht wird. Die Solistinnen mühten sich zwar sichtbar konzentriert ab, aber zu hören war das Ergebnis ihrer Arbeit kaum - jedenfalls nicht live im Konzertsaal. Es muss wohl sehr viel mit südkoreanischer Philosophie zu tun haben, dass Younghi Pagh-Paan das Stück ausdrücklich als Reverenz an Messiaens zuvor gespielte "Couleurs" versteht, gibt es sich doch gerade als das Gegenteil von Messiaens herb-schöner Klarheit zu erkennen.
Zur Atmosphäre des Konzerts trug die Uraufführung jedenfalls wesentlich bei. Nicht wenige Fans, Freunde und "Schlachtenbummler" Pagh-Paans waren angereist und bejubelten das aus der Taufe gehobene Stück.
Die nächsten Konzerte der "Musica Viva" finden am 16. und 17. Februar statt, www.br.de/radio/br-klassik/orchester-chor/musica-viva/2011-12-musica-viva100.html
Im Zentrum steht Enno Poppe als Dirigent und Komponist.
Laszlo Molnar