CD Vivaldi - Konzerte für zwei Violinen mit Viktoria Mullova, Giuliano Carmignola und dem Venice Baroque Orchestra
DG Archiv Produktion 477 7466
Sie sind eines der aufregendsten und am besten eingespielten Gespanne, wenn es um Vivaldis Violinkonzerte geht: Giuliano Carmignola und das Venice Baroque Orchestra mit seinem Leiter Andrea Marcon. Ebenso wie das Orchester ist Carmignola fest in der Tradition seiner Heimatstadt Venedig verwurzelt. Er wurde zwar keineswegs mit der Barockgeige in der Hand geboren, begann vielmehr seine internationale Karriere als Preisträger des Paganini-Wettbewerbs in Genua 1973, holte sich bei Meisterkursen von Nathan Milstein und Henryk Szeryng den Feinschliff und ist noch immer zu Recht stolz auf sein weit gespanntes Repertoire; dennoch hat sich Carmignola in den vergangenen Jahren vor allem in der Alte-Musik-Szene etabliert.
Der Name Viktoria Mullova hingegen klingt in diesem Kontext immer noch etwas exotisch; obwohl sich die Ausnahme-Geigerin schon seit 15 Jahren ebenso behutsam wie beharrlich den barocken Musikkosmos erobert, inzwischen mit fulminanten Vivaldi- und insbesondere Bach-Einspielungen Aufsehen erregt und sogar Mendelssohn und Brahms auf Darmsaiten interpretiert.
Umso erstaunter stellt man fest, wie perfekt die beiden Solisten in Vivaldis eher selten gespielten Doppelkonzerten harmonieren. Die Solo-Parts sind, wie so oft bei Vivaldi, völlig gleichberechtigt, die Stimmen umschlingen sich, wachsen aus einander empor, treten in lebhafte Dialoge oder fallen einander im Verlauf einer einzigen melodischen Linie in raschem Wechsel ins Wort - und das tun sie hier in bester Eintracht und oft kaum auseinander zu halten, schmelzend klangschön in den Kantilenen der langsamen Sätze, mit funkelnder Brillanz in virtuosen Passagen, dabei gewohnt temperamentvoll und zugleich einfühlsam begleitet vom Venice Baroque Orchestra.
Viktoria Mullova ist bei aller hart erarbeiteten technischen Perfektion eine Musikerin der Intuition, sie erspürt die angemessene Gestaltung, auch beim barocken Repertoire. Ihr Wissen um die "richtige" Interpretation verdankt sie nicht dem Quellenstudium (musikwissenschaftliche Bücher langweilen sie, hat sie einmal gesagt), sondern sie hat immer den Kontakt zu erfahrenen Musikern gesucht und im gemeinsamen Spiel ein Gefühl für diese Musik entwickelt. Vielleicht gelingt es ihr deswegen anscheinend ohne Aufhebens, sich so nahtlos in das Gefüge Carmignola / Venice Baroque Orchestra einzuschmiegen.
Eva Blaskewitz