Herausragende Solisten

Patricia Kopatchinskaja Foto: Marco Borggreve

Patricia Kopatchinskaja, Fazil Say,  René Jacobs und Jörg Widmann bei der Salzburger Mozartwoche

(Salzburg, Februar 2012) Die Salzburger Mozartwoche befindet sich seit einiger Zeit im Aufbruch zu neuen Kombinationen, sei es programmatisch, sei es, was die eingeladenen Künstler betrifft. Dass über Mozart hinausgedacht wird, ist nicht ganz neu; dass man sich bis ins 21. Jahrhundert vorwagt, hingegen schon. Und auch wenn der Noch-Leiter der Mozartwoche ein scheidender ist, seine Spuren bleiben hörbar. Das nächste Team (Marc Minkowsky und )wird im ersten Jahr Wagner und romanische Kompo­nisten in die Konzerte inkludieren.

Am Donnerstag Vormittag spielen der in seinen Auf­fassungen oft recht eigenwillige türkische Pianist Fazil Say und die moldawische - hier darf man's sagen - Ausnahme-Geigerin Patricia Kopatchinskaja im Großen Saal des Mozarteums Mozart und Beethoven (und in den Zugaben den Blues-Satz aus Maurice Ravels Violin­sonate und die Rumänischen Volks­tänze von Béla Bartók, die es ja auch in einer Bearbeitung für Violine und Klavier gibt). Was soll man dazu anderes sagen als: Hinreißend, mitreißend und nie im strengen Zeitmaß, mit variablem Atem sozusagen. Und schön doch auch, dass das Publikum sich von der disziplinierten Strenge so weit entfernt hat, dass es eine barfüßige Solistin ohne Nasen­rümpfen akzep­tiert.

Say und Kopatchinskaja, das ist keine unbedingt neue Kombination. Sie müssen daher nicht stets als Duo auf dem Podium stehen. Neben der allseits be­kannten A-Dur Sonate KV 331 (mit dem Alla-Turca-Finale) und den Variatio­nen über "Ah, vous dirai-je, Maman" KV 265, bei denen der Pianist allein das Sagen hat, standen Mozarts schon von der herkömmlichen Form emanzipierte B-Dur-Sonate KV 454 und Beethovens auch virtuos anspruchsvolle "Kreutzer-Sonate" auf dem Programm. Fazil Say variiert, was nur variiert werden kann, nicht nur die sechs Variationen in der türkischen Sonate und die zwölf Abwandlungen in KV 265. Er arbeitet die Charaktere jeder Variation nachvollziehbar heraus, führt vor, dass Dynamik und Zeitmaß am besten nicht im Beamtenmodus genommen und auch in dieser Hinsicht "variiert" werden sollen, ja sogar ein bißchen maniriert klingen dürfen. Das kommt einfach von der Spielfreude und dem Temperament, von dem der türkische Pianist um Vieles mehr hat also so mancher seiner Konkurrenten. Dass solches Spielen zusammen mit der Individualität der Phrasierung zuweilen dazu führt (und verführt), dass es an den Rand des Ebenmaßes geht, liegt dabei in der Natur der Sache. Aber nie führt das über kleine Unebenheiten hinaus. Im Gegenteil, die Verrückungen dienen stets der Verdeutlichung des Ausdrucks.
Und in einer Violinsonate wie der "Kreutzer-Sonate" sind sie - zieht man die improvisierten Umstände der Uraufführung, wo die Tinte noch so frisch war, dass der Geiger dem Komponisten über die Schulter blicken mußte, um an die Noten zu kommen, in Erwägung - sogar gefordert. Mit zwei Virtuosen wie Say und Kopatchinskaja kann das nur ein Ergebnis haben: Improvisierten Jubel, der bei den Solisten um so größere Lust auf Zugaben weckte.

In gewißer Weise wirkte das bis zum Abend weiter, als die Camerata Salzburg unter René Jacobs Haydn und Mozart spielte und zum Abschluß der OENM-Klarinettist Andreas Schablas ein Stück des Mozartwo­chen-Composers-in-Residence, Mark André, spielte: "iv.3" für Klarinette solo. Auch René Jacobs liebt das Expressive mehr als das Ebenmaß. Aus Mozarts üblicherweise festlich gestimmter "Haffner"-Symphonie macht er im Kopfsatz ein dramatisch aufgewühltes Werk, das ihm freilich - wie später bei Haydns "Salomon"-, der früheren "Londoner" Symphonie - an manchen Stellen leicht ins angegrellte Laute abgleitet. Vom Mezzoforte hält er nicht viel. Was zählt, sind die Bläser und vor allem die Pauke, die nach Kräften wirbeln darf. Das hat nicht selten eine gerin­ge Transparenz zur Folge. Was weiters auffällt, ist - zumal in den langsamen Sätzen - ein Hang zur Eile, die dann jeweils im Lauf des Satzes aufs gleichsam "normale" Maß zurückgeschraubt werden muss. Im Menuett der "Haffner"-Symphonie sind die Tempi zwischen dem Hauptteil und dem Trio weit auseinanderge­dehnt, dass die Relationen nur in Maßen "logisch" erscheinen.
In Mozarts Klarinettenkonzert hingegen erwies sich Jacobs als ungemein sen­sibler Begleiter, der einen Stimmen- und harmonischen Reichtum sozusagen im "Untergrund" hörbar werden ließ, der den Melodienkosmos des Konzerts erst richtig zum Tragen brachte. Einen besseren und sensibleren Solisten als Jörg Widmann kann man sich für dieses vom Operngeist affizierte Kleinod nicht wünschen.

Die vormals "Londoner" genannte Symphonie bot vielleicht noch mehr als die Haffner-Symphonie dem Pauker Gelegenheit, sein "solistisches" Talent leuch­ten zu lassen. Auch hier wurde das "Allegro con spirito" des Kopfsatzes mit etwas zu hurtigem Geist angesprungen. Das Finale spielte sehr schön mit dem Dudelsack-Effekt der Einleitung, um dann den Witz der Komposition mit viel "Effect" sprühen zu lassen.
Umso überraschender schmiegte sich die nach kurzer Pause angesetzte, ganz ins Leise, Unhörbare gehende André-Komposition gut an das Hauptpro­gamm. Schöne Musik ist das, die alle Möglichkeiten der Klarinette ausschöpft. Es dauert erstaunlich lange, bis das instrument sich auch klanglich als das zu erkennen gibt, was es ist, ehe es wieder zu dem durch ein Tonband ver­fremdeten Ton des Anfangs zurückkehrt, ganz so, als würde ein Subjekt sich von innen nach aussen und wieder zurück wenden. Und das Schönste: Es blieben erstaunlich viele Zuhörer freiwillig im Saal, um zu hören, dass es auch andere Musik als die in diesem Fall wirklich "klassische" gibt.

Derek Weber


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