Mozart-Opern als Faksimile

Mozart-Autograph aus dem "Figaro" Quelle: Bärenreiter Verlag

Erstmals sind jetzt die wichtigsten Opern W.A. Mozarts in der Handschrift des Komponisten erhältlich - ein enormer Schatz für Musiker, Wissenschaftler und interessierte Laien.

Autographen musikalischer Werke sind weniger für Graphologen, als vielmehr für Musiker und Musikwissenschaftler interessant. Denn nicht so sehr um die Erforschung von Persönlichkeitsmerkmalen geht es bei der Betrachtung von Notenhandschriften, sondern eher um Aufschlüsse über die Art und Weise wie bestimmte Werke entstanden sind, was korrigiert oder verworfen wurde. Auch wie etwas geschrieben wurde, ob schnell oder zögerlich, kann Auskunft geben über den Charakter der Musik und die angemessene Interpretation.
Auch Ausgaben "letzter Hand" seien nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß, meint Christopher Hogwood. Der englische Dirigent und Musikologe hielt im Rahmen der Präsentation der erstmals komplett nachgedruckten Handschriften der sieben großen Mozartopern Idomeneo, Entführung, Don Giovanni, Figaro, Cosi, Zauberflöte und Tito einen erhellenden Vortrag über Sinn und Zweck des Studiums von Notenhandschriften für Musiker. Viele wichtige handschriftliche Zusätze, die die Tonsetzer oft nach Proben direkt ins Aufführungsmaterial geschrieben hätten, seien meist ganz verloren, so Hogwood. Auch deshalb ist diese mit neuesten Kopierverfahren aufwendig erstellte Edition der Mozart-Opern eine musikalische und verlegerische Sensation.
Bislang nämlich war es selbst dem engagiertesten Musiker kaum möglich gewesen, etwa das Autograph von La Clemenza di Tito komplett in Augenschein zu nehmen, obwohl es komplett erhalten ist. Doch die Partitur liegt dreigeteilt in Bibliotheken in Berlin, Krakau und London.
Genau dieser Umstand hat auch die Erstellung der Faksimile-Ausgabe so schwer gemacht. Zwar waren die polnischen Bibliothekare durchaus behilflich, aber die Politik spreizte sich lange ein. Schließlich konnte man aber auch die Bedenkenträger davon überzeugen, dass es sich bei den Mozart-Partituren nicht um "nationale", sondern um internationale Kulturgüter" handelt.
Ursprünglich waren die Autographen so gut wie alle in Berlin aufbewahrt gewesen, bis man sie sicherheitshalber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an verschiedene Orte auslagerte, wo sie nach dem Krieg dann neue Besitzer bekamen.
Was diese Faksimilie-Ausgabe darüber hinaus zu einer Besonderheit macht, ist das wissenschaftliche Begleitmaterial. Zahlreiche renommierte Musikwissenschaftler aus den USA und Deutschland haben an Essays zu den Opern Mozarts gearbeitet und bieten zum vertieften Notenstudium fundierte Kommentare auf dem neuesten Stand der Forschung: Wolfgang Rehm, Dietrich Berke, Ulrich Konrad und Christoph Wolff. Dazu kommen literatur- und geistesgeschichtliche Kommentare von Hendrik Birus, Hans Joachim Kreutzer und Norbert Miller.

Dieses außergewöhnliche Editionsprojekt wurde im Dezember 2009 mit dem Faksimile der Handschrift von Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte abgeschlossen. Die beiden Bände mit Mozarts beliebtester Oper sind der Schlussstein einer Edition, die in Zusammenarbeit zwischen dem Packard Humanities Institute (Los Altos, CA) und der Stiftung Mozarteum Salzburg in Verbindung mit dem Bärenreiter-Verlag beginnend im Mozart-Jahr 2006 verwirklicht wurde. Die Opern umfassen fast 4000 Seiten und damit etwa ein Sechstel aller von Mozart mit eigener Hand geschriebenen und erhaltenen Noten. Zuvor waren überhaupt nur zwei der Werke, Don Giovanni (1967) und Die Zauberflöte (1979), in Faksimileausgaben verfügbar, die aber heutigen Ansprüchen an die Wiedergabequalität kaum mehr genügen.
Auf Initiative des Packard Humanities Institutes wurden die Handschriften durch Salzburger Spezialisten (Helge Kirchberger Photography) nach einheitlichen Kriterien auf modernstem technischen Niveau, das eine enorm große Farbechtheit und Detailgenauigkeit zulässt, in den einzelnen Bibliotheken digital aufgenommen. Die einzelnen Bestandteile der Handschriften sind damit zum Teil zum ersten Mal seit mehr als 200 Jahren wieder vereint. Der Druck erfolgte mit demselben hohen Qualitätsanspruch. Je nach Umfang und Gliederung erscheinen die sieben Opern in jeweils einem oder zwei Faksimilebänden. Hinzu kommt ein Textband, der ein Faksimile des Originallibrettos enthält sowie die literatur- und geistesgeschichtlichen Essays und eine musikwissenschaftliche Einführung.

Die Ausgabe umfasst insgesamt 19 Bände (12 Bände Faksimile und 7 Textbände incl. Libretti), der Preis pro Oper beträgt 248,- Euro.

Robert Jungwirth