Mit allen Mitteln, auch mit Wundern. Aron erscheint auf der gegenüberliegenden Treppe im schwarzen Anzug und steigt zu Moses in den Bühnengrund. Bei seinem Auftritt ziehen sich die Wände auseinander. Auf einer Seite ist jetzt der Blick auf Dirigent und Orchester frei (mein Nachbar freut sich), die beim Tanz ums Goldene Kalb als Unterhaltungsorchester sogar auf die Bühnemitte gezogen werden, bis sie am Ende auf der anderen Seite verschwinden. Dann stehen Aron und Moses sich als Antipoden gegenüber. Aron, der Pragmatiker, der gegen das Bilderverbot verstößt, um seine politische Mission, das Volk durch die Wüste zu führen, und zumindest die Idee vom wahren Gott zu retten. Auch wenn in der von ihm zugelassenen Orgie das Volk die abstrakte Gottesidee verrät. Es entfesselt im Tanz um das – hier nicht goldene sondern weiße Kalb - als Masse all seine Hässlichkeit, mordet und bringt menschenverachtende Blutopfer. Aber das Volk marschiert danach weiter. Das ist Arons Erfolg. Und er läuft hinterher. Moses, aus Wut über seine Unfähigkeit den abstrakten Gott massenwirksam zu machen, zerreißt das übergroße Transparent mit den zehn Geboten, dass er mühsam hineingezogen hat. Verzweifelt steht er allein auf der Bühne inmitten von Papierfetzen. Es bleibt ihm ein letzter verzweifelter Ausruf: "O Wort, du Wort, das mir fehlt!"
An diesem Abend herrscht kein Zweifel daran, dass die bedeutendste Bibeloper der Moderne genau dieses Ende im zweiten Akt haben muss. Arnold Schönberg hat den dritten Akt, der nur aus einer Szene besteht, musikalisch nicht mehr vertont. Das von Schönberg verfasste Libretto würde in dieser Finalszene in eine Moralabrechnung mit Aron enden. Stellvertretend für alle "Abweichler" vom wahren Gotteskampf fällt er von Moses gerichtet tot zu Boden. Das und eine zum Schluss formulierte "zionistische Politformel", so Ulrich Schreiber, seien für Schönberg in letzter Konsequenz unvermittelbar und daher unkomponierbar geblieben.
So endet diese fulminante Operninszenierung nicht mit einem richtenden Moses, sondern einem an sich und an seinem Volk gescheiterten Menschen. Einem Glaubensfanatiker zwar, den der amerikanische Bariton Dale Duesing aber durch sein schauspielerisch vorbildlich durchdrungenes Sprechen und sein überzeugendes Agieren ganz menschliche Seiten abgewinnt. Auch die Rolle des von seiner inkonsequenten Art her vielleicht verständlicheren, weil pragmatisch orientierten Aron wird vom Tenor Andreas Conrad (schon bei den Soldaten als junger Graf aufgefallen) stimmgewaltig und vorbehaltlos ausgelebt. Sein im Falsett mühevoll hervorgestoßenes "Befrei uns aus der Pharaonenknechtschaft!" verdeutlicht, dass auch ihn die Aufgabe an den Rand seiner Kräfte bringt. Unglaublich die Präsenz aber der Schönbergschen Musik! Streng dodekaphonisch organisiert und dissonant bis zum letzten Takt, klingt sie in keinem Moment dissonant. Die Bochumer Sinfoniker unter der musikalischen Leitung von Michael Boder machen aus der technisch wahnsinnig schweren Partitur packende, mitreißende Ausdrucksmusik. Sie wühlt die Konstellationen der Protagonisten musikalisch auf, die in einer von Regisseur Willi Decker archaisch puristisch gehaltenen, sozusagen nur durch Menschen gebildete Bilderwelt agieren. (Es gibt nur weißes Papier, schwarzen Stabstift und später das weiße Kalb). Die Chormasse, von den Titelfiguren bewegt, spielt dabei eine massive Hauptrolle, nicht zuletzt durch die suggestive Chorbehandlung in Schönbergs Partitur. Das modern-zeitlos und in Grautönen gekleidete ChorWerk Ruhr erobert immer wieder den Zuschauerraum, aus dem es ganz zu Anfang disparat verteilt in einen von oben auf die Bühne herabgelassenen Gazekäfig geströmt ist. Das Volk Israel wird im Käfig zu einer im Trott marschierenden dumpfen Masse, oder mithilfe von Videoanimationen in eine Schlangengrube verwandelt. Bricht aus dem Käfig aus und kehrt in ihn zurück. Musikalisch einstudiert von Rubert Huber, entwickelt das ChorWerk Ruhr eine unglaublich schauspielerische Präsenz. Die Personenregie Willi Deckers wirkt gerade bei den Massenszenen bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Und erschüttert gleichsam das abstrakte Bühnenquadrat mitsamt dem Publikum. Während das Volk hadert, werden auf den mausgrauen Seitenwänden in kurzen Filmsequenzen Moses und Aron präsentiert, wie sie durch eine Steinwüste wandern. Im zweiten Akt, wenn das alleingelassene Volk musikalisch eine Angstneurose durchlebt, wandelt Moses auf den Zinnen der Wand ums Auditorium. Und empfängt fern, doch nah, die zehn Gebote, die sich wie ein Schriftband Buchstabe für Buchstabe weiß auf schwarz unter ihm einbrennen. Beim Tanz ums weiße Kalb - eingeleitet von mächtigen Posaunenfanfaren - schieben sich Kalb und Orchester ineinander. Die vier Jungfrauen sind nackt (wie Schönberg es sich in der Partitur auch wünscht "insoweit es die Gesetze und Notwendigkeiten der Bühne erlauben und erfordern"). Krawattentragende Schlächter lassen ihr Blut fließen, und im frenetischen Götzendienst wird im Blut gebadet und kopuliert, ohne dass solche momentan ja im Kreuzfeuer der Kritik stehenden Regietheatermittel in irgendeinem Moment peinlich voyeuristisch würden. Denn dieses Volk da unten führt vor, was jede Masse, gleich welchen Volkes und Herkunft so gefährlich macht. Sie will, gleichgültig welchem Ziel oder Gott dienend, geführt und verführt werden und entwickelt unkontrollierbare Eigendynamik.
Sabine Weber
Weitere Aufführungen: 25., 28., 30. August, 2. September, jeweils 20.30 Uhr.
www.ruhrtriennale.de