Schwebende Wahrnehmung

Morton Feldman
The viola in my life
Marek Konstantynowicz, viola,
Cikada Ensemble, Norwegian Radio Orchester, Christian Eggen, conductor
ECM new series

Wie kaum ein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts hatte sich der Amerikaner Morton Feldman einen Ruf erworben als derjenige, der mit seinen Werken die Dauer eines normalen Konzerts sprengt: über eine Stunde für ein Streichquartett ist bei ihm keine Seltenheit. Der unkonventionelle, ja antiakademische Morton Feldman, Schüler von Stefan Wolpe wurde ab 1950 international zunehmend wahrgenommen. 1974 erhielt er die Kompositionsprofessur an der State University New York in Buffalo, als Nachfolger von Edgar Varèse. Feldman avancierte zum Pionier der graphischen Notation in den 50ger und 60ger Jahren und forderte von den Musikern stets einen langen schöpferischen Atem.
Morton Feldman erlebte Anfang der 1970ger Jahre einen Wandel. Die Phase mit Werken in grafischer Notation, die dem Interpreten grosse Gestaltungsfreiheit ließ, wurde abgelöst durch Werke mit exakter Notation. Der inzwischen 44-jährige Feldman wollte sein Spezialgebiet, die Zeit und ihre Verläufe, wieder als Autor eigenverwalten und nicht dem Verständnis des wenn auch kundigen Interpreten überlassen. So entstand der 4- teilige Zyklus The viola in my life, skulpturale Ton-Schönheiten mit unglaublich wenigen Tönen.
Feldman, der in der freundschaftlichen Begegnung mit John Cage starke Ermutigung fand, balancierte meisterhaft zwischen radikaler Reduktion und präzisem Ausgefülltsein. Diese feinen Strukturen und Verwebungen, die sich wie Netze über kurze melismatische Fragmente und akkordische Akzente ziehen, verwischen, je länger man zuhört. Die warme Tönung der Bratsche mit erdiger Melancholie und, mit einer kurzen Ausnahme, stets mit Dämpfer, findet und verliert sich in den fahlen Andeutungen von Geige, Cello, Flöte, Celesta, Klavier, Perkussion und dem eingesogenen Orchesterklang.

Dem polnischen Bratschisten Marek Konstantynowicz gelingt es, die poetische Leere, in die Feldman das langsame, zuweilen stockende Fliessen entläßt, eindringlich als solche wirken zu lassen, in dem Wenigen seines Spiels kommt es ganz besonders auf seine Farbgebung an. Gemeinsam mit den 6 Instrumentalisten des norwegischen Cikada-Ensembles und dem norwegischen RadioSinfonieorchester unter dem Dirigenten Christian Eggen breitet er behutsam Feldmans metaphysisches Gewebe aus, wissend, dass kluge Zurückhaltung nötig ist, um die fragilen Werke nicht zu überfrachten und ihrer zauberhaften Transzendenz zu berauben. Kaum geht es dynamisch über mezzoforte hinaus und nach einer Weile des Teilhabens am Klingen und Verklingen entdeckt man sich in einem Zustand zwischen Vorahnung und Vergessenhaben, hochsensibiliert für geringste Bewegungen und Veränderungen. Für Morton Feldman konnte diese eine Weile (übrigens) sehr lang dauern, wobei man mit The viola of my life und knapp 40 Minuten schon am unteren Zeitlimit des amerikanischen Komponisten angekommen ist. Aber was ist schon Zeit, wenn man durch Hören schweben kann.

Julia Schölzel

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