Die amerikanische Lektion

Amerikanische Kultureinrichtungen sind hochgradig vom Zustand der Wirtschaft und der Laune der Geldgeber abhängig. Gérard Mortier musste jetzt eine Lektion lernen.

Gérard Mortier geht nicht an die New York City Opera (dazu der Bericht im "Meldungs"-Teil): Nun hat die Finanzkrise auch in der Kulturwelt eine erste massive Wirkung gezeigt. Eine, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. Denn natürlich wird die NYCO in den USA nicht die einzige Kultureinrichtung bleiben, die sich auf magere Zeite einstellen muss. Von all den Orchestern, Theatern und Kulturzentren, die auf einmal deutlich weniger Geld haben werden, wird bei uns nichts zu hören sein. Schwankungen im Etat sind bei amerikanischen Kultureinrichtungen der Normalfall. Staatliche Subventionen sind minimal. Das San Francisco Symphony Orchestra zum Beispiel bekommt von der Stadt gerade einmal eine Million Dollar im Jahr. Deshalb arbeiten die meisten Leute in den Kulturadministrationen der USA im "fund raising" - das Geld aus privaten Quellen muss immer wieder neu erschlossen werden.

Für die Kultureinrichtungen ist es fraglos besser, wenn sie sich auf ein subventioniertes System wie das in Festland-Europa übliche verlassen dürfen. Hier sind verläßliche Spielpläne planbar, hier kann man künstlerische Wagnisse eingehen, hier muss man allenfalls mit störrischen Politikern streiten, die aber trotz aller Widerstände den eindeutigen Auftrag haben, sich um die Kultur zu kümmern. Gérard Mortier, bisher durchaus ein Freund der amerikanischen Kultur-Privatwirtschaft, hat nun erlebt, was mit der Kultur passiert, wenn die Wirtschaft lahmt: flugs verschwanden 24 Millionen Euro seines zukünftigen Etats, fast die Hälfte. Er hat selbst zugeben müssen, dass in Europa die Kultur insgesamt besser versorgt ist als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten - zu denen es eben auch gehört, die Kultur abzuwürgen, wenn das Geld nicht mehr da ist.

In diesem Punkt übrigens geben sich die USA konservativer als "old Europe". Denn die Abhängigkeit der Kultur vom Geld ist eine absolut europäische "Erfindung". Fürsten beauftragten nach Lust und Laune und sie liquidierten nach Lust und Laune. Wenn das Geld alle war, durften Maler ihre Staffeleien einpacken, Bildhauer ihren Marmor heimschleppen und die Musiker nach anderen Arbeitgebern suchen gehen. Ohne Federlesens stornierte Kurfürst Karl Theodor sein berühmtes Mannheimer Orchester, als er den Hof nach München verlegte. Georg Friedrich Händel ging mit seinem Opernunternehmen zweimal bankrott und musste ganz von vorne anfangen. Die Verletzlichkeit der Kunst ist nicht erst das Thema der "Neuen Welt". Künstler waren schon immer entweder steinreich, oder sie gehörten zum Prekariat.

Laszlo Molnar