Konrad Junghänel und Bernd Mottl bringen Monteverdis "Odysseus" mit jeder Menge Spielfreude in Köln auf die Bühne
(Köln, im Februar 2012) Sind Claudio Monteverdis Opern alt, ernst oder vertaubt? Wer das glaubt, darf sich in Köln eines besseren belehren lassen. Diese Musik aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bringt Lebemänner in James-Last-Anzügen und Götter als überzeichnete Comikfiguren auf Trab. Sie macht eine verhärmte Jackie Onassis mit Sonnenbrille (Penelope) in einem spießigen Haus zu einer großen Heldin. Sie stiftet eine verrückte Haushälterin in hellblauem Schürzenkleid zu tollkühnen Tiraden an (Ericlea), sie passt zu Clubjacke und Gabardinehose (Telemaco), zu Petticoat und Golfkäppi (Melanto und Eurimaco), zu einem Außenseiter mit Lederhose und Rastalocken (Eumetes), zu einem heruntergekommenen Soldaten mit Plastikmaschinengewehr namens Ulisse. Die Oper "Il ritorno d'Ulisse" taugt durchaus auch zu einer bunten Unterhaltungsrevue.
Regisseur Bernd Mottl und sein Bühnenbildner und Kostümbilder Friedrich Eggert verwandeln das Finale der homerischen Odysseus-Erzählung in ein turbulentes griechisches Las Vegas. Mit Leuchtreklame als "Itaca" überschrieben, das nach dem ersten Donnerwetter eines polternden Neptun sein "c" verliert. Man assoziiert sofort Ita(l)ia - ein ebenso verwaistes Land, in dem nur noch die Bunga-Bunga-Freier bestimmen? Das Publikum erlebt den Prolog über die Vergänglichkeit als groteskes Stehtheater noch vor dem ersten Akt auf einer Extrabühne. Erst danach wandern die Zuschauer und die Musiker zu der im Palladium aufgebauten Bühne beziehungsweise nehmen ihre Sitzplätze auf der Tribüne ein. Und dann beginnt das menschliche Spiel "Itaca" - für das mit Leuchtreklame über der Bühne geworben wird, in Odysseus Palast, einem spießigen Fertighaus mit Hecke und Mülltonne. Jacki Onassis alias Penelope blickt trostlos aus dem Fenster und lamentiert. "Wann wird es endlich enden, das unermessliche Leid des ewigen Abschieds..."
Die leicht geneigte Rasendrehscheibe dreht sich. Im Inneren des Einraumhauses sitzt Penelope trotzig auf dem Ehebett - eine Seite ist mit einem Überzug abgedeckt. Später ändert sich das Interieur. Wenn die Partygänger in bunt gestreiften Pyjamas mit schief sitzenden Partyhütchen auf dem Kopf an der Hausbar sich überlegen, wie sie die Spaßbremse des Hauses - auch im Pyjama - rumkriegen könnten. Aber Penelope gibt selbst nach 20 Jahren Abwesenheit ihren Gatten immer noch nicht auf. Ein Treue-Drama? Ein Loblied auf die standhafte Keusche? Nicht nur, denn dieses bühnendramatische Werk schäumt neben aller Ernsthaftigkeit auch über vor Spiellust. Mit Kontrasten und Gegenüberstellungen. Das provoziert viele spielerische Details auch in der Personenregie, aber ohne die Aufmerksamkeit abzunutzen oder der Musik zuwider zu laufen. Die Musik selbst scheint aus einer Spielwut geboren. Diese Fülle an unterschiedlichen menschlichen Konfrontationen und Szenen. Es muss den über 70jährigen Claudio Monteverdi mächtig gejuckt haben, noch einmal für eines der noch jungen Opernhäuser in Venedig eine Oper anzupacken und sich damit einer neuen musikdramatischen Herausforderung zu stellen: nämlich ein öffentliches Publikum zu unterhalten. 1640 erlebt Monteverdis Ulisse im Teatro di San Cassiano einen außerordentlicher Erfolg.
In diesem frühen Werk der Operngeschichte ist auch so ziemlich alles vorgebildet, was in späteren Opern erst erfunden werden soll: die tragischen Hauptrollen der Seria-Oper, das Buffo-Paar, fühlende, hoffende, irrende, groteske und komische Charaktere. Schon bei der Uraufführung hat die Rolle des lächerlichen, stotternden und gefräßigem Nutznießers Iro ungemein begeistert. Aber auch bei den ernsten, nur vom Continuo begleiteten Monologen macht Monteverdi deutlich, warum er als der Meister einer das Wort unterstützenden affektgeladenen Musik gilt. Und im gleichen Atemzug geht es verliebt und ausgelassen in einem tänzerischen Dreiertakt weiter, wenn das verliebte Buffopärchen turtelt. Es gibt auch strophische Teile mit dazwischen geschobenen Ritornellen. Und nicht zuletzt hoch virtuose Koloraturen für die Götter. Monteverdi prägt hier schon die Regeln des Belcanto. Es gibt aber auch einen veristischen Ausbruch im dritten und letzten Akt. Zu einer heftig rasselnden Kriegsmusik murkst ein tobender Ulisse die Freier ab.
Stimmlich und auch rollenbezogen ist hier in Köln ideal gecastet worden. Von dem bis auf unbestimmte Zeit erkrankten Intendanten Uwe Eric Laufenberg. Eine innige aber widerständige Hauptheldin ist Katrin Wundsam, die gleich am Anfang in einem Lamento großes Gefühl und Geschmack beweist. Für seine drastischen Eingriffe manchmal fast zu fein ist der Tenor Mirko Roschkowski als Ulisse. Gut aufgelegt feuert Claudia Rohrbach als Minerva ihre Koloraturen ab. Regina Richter ist eine reizende Malanto. Der Bariton Miljenko Turk als Schweinehirt Eumetes, gewohnt klangschön, sprüht mal wieder nur so vor Spielfreude. Wolf Matthias Friedrich leiht im Prolog der Allegorie der zahnlosen Zeit seinen profunder Bass und ist auch ein heftiger Neptun, vor dem Jupiter sogar stimmlich zurück zu schrecken scheint (Peter Gjisbertsen). Die Mezzosopranistin Hilke Andersen als die komische Amme und Haushälterin Ericlea begeistert durch Volumen und witziges Spiel. Und Robert Wöhrle ist schon allein seines Leibesumfangs wegen auf die Rolle des Iro abboniert.
Mit barocke Spiellust sind auch die Musiker unter der Leitung des Alte Musik Spezialisten, Lautenisten und Dirigenten Konrad Junghänel dabei. Bei einer Continuo-Oper - sämtliche Rezitative werden nur vom Continuo begleitet- mag die Lautenvergangenheit des Dirigenten ein Vorteil sein. Zumal Junghänel bei dem Monteverdi-Pionier René Jacobs in frühen Jahren sogar im Continuo dieser Oper mitgewirkt hat. Hier schwört er sogar eine Handvoll Gürzenichorchestermusiker, Musiker aus dem regulären Opernorchester auf "Originalklang" ein. Dabei unterstützen ihn eingeladene Instrumentalspezialisten aus der Alten Musikszene. Zusammen sitzen sie um zwei stark besetzte Continuogruppen auf Bühnenhöhe rechts und links. Barockharfe, eine Lirone, Violoncelli, Chitarronen, Erzlaute, Barockgitarre, Cembalo, Orgel und ein schnarrendes Regal. Rechts spielt das Tutti für die allesamt fünfstimmig gesetzten Ritornelle oder Zwischenspiele - meist Sinfonie genannt - mit zwei Blockflöten, zwei Zinken, vier ersten und zweiten Violinen, vier Bratschen und einem Kontrabass. Immer wieder klingt das Continuo anders. Junghänel nutzt die verschiedenen Farben aus in immer neuen Kombinationen - auch im Stereoeffekt.
Es ist ein unterhaltsamer Abend, der unter anderem beweist, das Monteverdis Opern zu Recht Eingang ins aktuelle Bühnenrepertoire gefunden haben. Wenn am Ende Odysseus das Schlafzimmer wieder verlässt, nachdem er mit Penelope das wunderbare Schlussduett gesungen hat, soll das natürlich Fragen aufwerfen. Eine so lange Trennung ist nicht nur mit Musik ad hoc zu heilen.
Sabine Weber