"Der Graf von Monte Christo" als Musical in St. Gallen
Geldgier ist keine Erfindung von Wallstreetbankern oder Herrn Ackermann. Auch wenn die als besonders abschreckende Beispiele dafür gelten können. Schon im 18. Jahrhundert haben nimmersatte Aktionäre mit Tulpenzwiebeln so manches Vermögen verspekuliert. Auch das Pariser Börsenparkett des 19. Jahrhunderts war berühmt-berüchtigt für seine Exzesse. Nicht nur der brave Heinrich Heine hat sich dort eine blutige Nase geholt. Alexandre Dumas' Graf von Monte Christo, der das ihm angetane Unrecht einer unverdienten Kerkerhaft rächen will, tut das, indem er seine Feinde via Kursmanipulation an eben dieser Börse in den finanziellen Ruin treibt. Eine zwar interessante und wirkungsvolle, wenngleich nicht eben einfach durchzuführende Abstrafung.
Die Gier, die Verschwendungssucht und die Abgehobenheit vom wahren Leben, die so vielen Erzkapitalisten zu eigen ist, stellte auch schon Dumas in seinem Abenteuerroman an den Pranger. Auch die Musicalversion dieses Romans, die vor kurzem am Theater St. Gallen ihre Uraufführung erlebte, widmet sich diesem Thema. Wenn die Gegenspieler von Monte Christo in ihren Geldkisten wühlen und dazu singen "zuviel ist doch niemals genug!", ist das nicht zufällig von erschreckender Aktualität angesichts der obszönen Auswüchse eines Finanz- und Spekulationswesens, das uns seit vergangenem Herbst in einer Wirtschaftskrise mit unabsehbaren Folgen gestürzt hat.
Dennoch ist der Graf von Monte Christo nicht der Rächer der Entrechteten und Ausgebeuteten. Gerechtigkeit, resümiert der selbsternannte Graf, könne es ohnehin nicht geben. Gerechtigkeit könne sich nur jeder selbst verschaffen.
Das von dem Broadwaykomponisten Frank Wildhorn und dem Librettisten Jack Murphy kreierte (und von Koen Schoots souverän dirigierte) Musical ist eine effektvolle und spannende Einkürzung der weitschweifigen Romanvorlage auf gut 2 Stunden Bühnenhandlung mit jeder Menge schmachtender Liebessongs und turbulenter Ensembleszenen, die zwar ihren Zweck emotionaler Rührung beim Publikum erreichen, aber kaum je tiefer in die Personen und ihre Konflikte hineinloten. Vor allem im ersten Akt gibt es einigen Leerlauf.
Das einleitende Fest, die Verlobung des Edmond Dantes mit Mercédès und einer (fragwürdigen) Anspielung auf das letzte Abendmahl wirken oberflächlich und platt. Kein Wunder, dass auch die beiden Hauptdarsteller Sophie Berner und Thomas Borchert hier (noch) agieren als spielten sie in einem Werbeclip mit. Ärgerlich auch, dass der durchaus differenzierte Orchesterpart fast durchgängig von dem wummernden und viel zu lauten E-Baß übertönt wird.
Erst im Lauf der Handlung finden die die Figuren in ihre Rollen, verkörpern glaubhaft die Konflikte, die ihnen die Zwänge der Gesellschaft aufdrücken. Borchert verfügt über eine angenehme Stimme und schauspielerisches Talent (vor allem später als Graf). Womit er jedoch noch mehr beeindruckt, das sind die Fechtszenen, in denen er so virtuos agiert, wie man es im Film nicht besser zu sehen bekommt.
Das Bühnenbild von Allen Moyer wirkt in seinem musical-haften Realismus (die zeitgetreuen, sehr schönen Kostüme entwarf Susanne Hubrich) dennoch ansprechend originell (inclusive Videoeinblendungen) - und ist gleichzeitig überaus praktikabel: Flugs lässt sich die Kerkerzelle in ein Segelschiff verwandeln.
Insgesamt eine sehr sehenswerte Produktion, die wohl auch noch an anderen Orten zu sehen sein wird.
Robert Jungwirth
Weitere Informationen: www.theatersg.ch
Weitere Aufführungen: 16., 21., 23. und 30. Mai 2009, 1. und 13. Juni
www.myswitzerland.com
www.swisstravelsystem.ch
www.bahn.de