Die Musiciens du Louvre Grenoble unter Marc Minkowski mit einem sensationellen Konzert bei der Salzburger Mozartwoche
(Salzburg, Januar 2008) Nicht immer zeugt die Marke "ausverkauft" auch von höchster Qualität. Das erste Konzert von Marc Minkowski und seinen Musiciens du Louvre Grenoble bei der diesjährigen Salzburger Mozartwoche aber hielt, was der stürmische Vorverkauf versprach: Was für ein Orkan an Musikalität und knisternder Spannung in den beiden Eckstücken dieses Vormittagskonzerts, was für ein Feuerwerk an Originalität und gebündelter, in jedem Augenblick zu überraschenden Ausbrüchen bereiter Energie! Marc Minkowski peitscht das Orchester nicht dazu auf, er schaufelt die Musik geradezu gestisch aus den Musikern heraus. Er dirigiert nicht bloß, er modelliert den Klang und entlockt so dem Orchester jede nur denkbare Nuance. Wohl dem, der über ein Ensemble verfügt, das in seinem Durchschnittsalter halb so alt (wenn nicht sogar noch jünger) ist wie das Publikum!
In Christoph Willibald Glucks Musik zum Ballett "Don Juan ou Le Festin de pierre", einer radikal komprimierten Fassung des Don Juan-Stoffes, mit der die Gattung des Handlungsballetts aus der Taufe gehoben wurde, reizt Minkowski alle Extreme zwischen elegantem höfischem Tanzton und dem dramatischen Horror der Schlußszene aus, die nicht zufällig an den Furientanz seiner Orpheus-Oper erinnert. Hier hat Mozart sich nicht nur seine ersten Anregungen für den Schluß des Don Giovanni geholt, sondern auch für den Fandango des "Figaro". Wieviel Phantasie verschwendet Minkowski allein auf die kurze, plastische, immer wieder stockende Duellszene, die auf ein federnd-aristokratisches "Andante grazioso" folgt.
Der Höhepunkt des Konzerts: Mozarts Jupiter-Symphonie, in der vorgeführt wird, wie viele Wege zu Mozart und von Mozart weiter zu Beethoven führen. Doch ist darin nichts von Mozart im Geiste Beethovens konstruiert: Alles bleibt mozartisch, bis ins Menuett-Tempo hinein, doch ist es alles andere als abgeklärt: Wild, rebellisch, revolutionär. Selbst aus dem Trio des Menuetts fahren die Blitze heraus. Von wegen apollinische, gar majestätische Klassizität und abgeklärte symphonische Vollendung! Die von Minkowski plastisch herausgemeißelte Kontrapunktik des Finales ist wie ein Schrei ins Gesicht, eine Grenzerfahrung des Menschlichen, kurz vor dem Irrewerden, verwandt dem Finale von Beethovens Siebenter oder Schuberts großer C-Dur-Symphonie.
Im guten Sinn rücksichtslos gegen sich und die Musiker treibt Minkowski vor allem die Holzbläser, die kurz zuvor süßer nicht tönen hätten können als beim Reigen der seligen Geister aus "Orphée et Eurydice", an ihre Grenzen, läßt die alten Trompeten schmettern und wirft das berühmte Thema des letzten Satzes der Jupiter-Symphonie dem Hörer ins Gesicht, daß ihm zwar das Sehen, nicht aber das Hören vergeht. Ein verwegener, aber wahrer Ohr-Öffner, dieser Mann samt seinen Mannen und jungen Frauen!
Zuvor aber begleitet er die etwas kühle Anne Sofie von Otter einfühlsam durch Mozart- und Gluck-Arien. Und danach serviert er den wohl berühmtesten zweiten Satz einer Haydn-Symphonie, die im Deutschen "die mit dem Paukenschlag" heißt, so wie er nach der englischen und französischen Bezeichnung gemeint ist: als musique "Surprise". Wie soll man das einem beschreiben, der nicht dabei war? Das war kein Paukenschlag, sondern ein wildes, gellendes Etwas, so, als hätten alle Tiere des Ur-Walds zur Pauke ihren schrecklichen Unisonoschrei losgelassen. Un-er-hört! Formidable! Geradezu eine Ur-Aufführung!
Das zweite Konzert mit den Musiciens du Louvre Grenoble gibt's - ebenso ausverkauft -am 31. Januar. Die Wiener Philharmoniker, die im ersten Anlauf mit Ingo Metzmacher, Pierre-Laurent Aimard und Olivier Messiaens ?Réveil des oiseaux" zu hören waren, musizieren mit Iván Fischer und Vesselina Kasarova (30. Jänner) und mit Sir Charles Mackerras (2. Februar), in letzterem Konzert wieder näher am dramaturgischen Zentrum der Mozartwoche 2008, der geistlichen Musik. Die Camerata Salzburg steuert unter Jonathan Nott die Uraufführung eines Konzerts für zwei Klaviere und Orchester von Johannes Maria Staud bei (31. Januar). Die Konzerte mit der Kremerata Baltica und dem Hagen-Quartett (beide am 1. Februar) sind ebenso ausverkauft wie das Abschlußkonzert mit der Camerata unter Paul McCreesh (3. Februar).
Anton Sailer