Mit Papstglocken

Das Minguet Quartett Foto: Promotion

Das Minguet Quartett spielt Peter Ruzickas Streichquartette live in München und auf CD

(München, 29. September 2010) Peter Ruzicka ist in München wahrlich kein Unbekannter, aber als Komponist ist er gleichwohl noch zu entdecken. Man mag den Dirigenten sowie langjährigen Chef der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater und einstigen Intendanten an der Hamburgischen Staatsoper und bei den Salzburger Festspiele für vieles kritisieren, doch seine Musik ist so ganz anders als die öffentliche Person. Gerade wieder war in der Akademie der Schönen Künste mit allen sechs Streichquartetten zu erleben, was für ein exzellenter, emphatischer, emotionsgeladener Musiker der so kühl, beherrscht und allseits korrekt wirkende Hanseat ist!

Die exzellente Gesamtaufnahme des Minguet Quartetts auf zwei SACDs für Neos wurde soeben mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, da erlaubt der Liveeindruck im Konzert des Ensembles samt Gespräch mit dem Komponisten eine Vertiefung und Potenzierung dieses Höreindrucks - und den Vergleich mit den Aufnahmen der ersten vier Quartette, die das Arditti Quartett 1996/97 für ECM einspielte. Dort in der Reihenfolge 3/2/1/4, also endend mit "...sich verlierend" für Streichquartett und Sprechstimme (Dietrich Fischer-Dieskau).

Auf den Neos-CDs und im Konzert sind die sechs Quartette chronologisch zu erleben und das macht Sinn. Denn die Spanne vom ersten Quartett aus dem Jahr 1969 bis zum letzten, mit einer halben Stunde Spieldauer längsten aus dem Jahr 2008, ist groß. Hier der Niederschlag eines unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Experiments der Wahrnehmungserweiterung durch Drogen, dort die Fortspinnung von Ruzickas Hölderlin-Oper in der "Vertonung" eines Gedichts, das in der Oper keinen Platz fand. Dazwischen reflektiert das zweite Quartett den Suizid Celans, das dritte ("...über ein Verschwinden") den Tod der Mutter - beide in wunderbare Mahler-Allusionen mündend.

Das vierte Quartett bricht mehrfach in die Rezitation philosophischer oder poetischer Sentenzen zum Schweigen-Müssen aus (gesprochen von Klaus Schultz, der auch das Gespräch mit dem Komponisten moderierte) und ist wohl das problematischste Stück des Quartett-Oeuvres. Eigentümlicherweise funktioniert es mit der Rezitation von Fischer-Dieskau, der den Mut zu dezent eingesetztem Pathos, Ergriffenheit und Vieldeutigkeit der Worte hat, am besten - auch in den relativ zügigen Tempi des Arditti-Quartetts, in denen die Spannung stets - auch über die gesprochenen Passagen hinweg -gehalten wird. Das gelingt weder dem Schauspieler Claus Bantzer (auf der Neos-CD) noch Klaus Schultz (live in der Akademie) wirklich. Umgekehrt können die Minguets beim dritten Quartett ("...über ein Verschwinden") punkten. Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen), Firmian Lermer (Bratsche auf CD) bzw. Aroa Sorin ( Bratsche live) und Matthias Diener (Cello) spielen differenzierter, feiner, "räumlicher". Sie binden außerdem die Beinahe-Zitate aus dem Finale der neunten Symphonie von Gustav Mahler stärker ein, indem sie die Verfremdungen Ruzickas deutlicher, schärfer im Klang und geräuschhafter zum Tragen kommen lassen.

Das fünfte Quartett ("Sturz") besteht aus einem einzigen wilden, kaum gezügelten Ausbruch, während das letzte ("Erinnerung und Vergessen") die Summe alles Vorausgegangenen zieht: Ein eminent hoch geführter Sopran (bestechend präzise und intensiv von Sarah Maria Sun live gesungen, noch überzeugender als Mojca Erdmann auf CD!) verschmilzt Verse aus Hölderlins "Mnemosyne" mit den vier Instrumentalstimmen. Im dritten Satz verarbeitet Ruzicka Melodien eines Quartetts, die er als 15-jähriger komponierte; und auch im letzten Teil scheinen Harmonien aus Mahlers Neunter wie magisch in der Luft zu schweben und sich zauberhaft zu materialisieren! Dass dazu zartes Kirchengeläut aus der Stadt durch die geschlossenen Fenster in die Akadmie herüberwebt, ist genauso sinnfällig wie die Tatsache, dass vor fünf Jahren am gleichen Ort die Glocken zur Wahl des Papstes Ruzickas drittes Quartett begleiteten! Die einkomponierte Transzendenz seiner Musik und ihr irdischer Beziehungsreichtum spiegeln sich darin mit feiner Ironie.

Wie schön wäre es, wenn neben den allzu sporadischen Aufführungen von Kammermusik und Orchesterwerken Ruzickas in München auch einmal eine seiner beiden Opern "Celan" (2001) oder "Hölderlin" aus dem Jahr 2008 zu erleben wären!

Klaus Kalchschmid

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