Michael Tippett: "A Child of Our Time", Oratorium in drei Teilen für Soli, Chor und Orchester. Solisten: Ute Selbig; Nora Gubisch; Jerry Hadley; Robert Holl; Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden (Choreinstudierung Matthias Brauer); Staatskapelle Dresden, Sir Colin Davis (Ltg.) Profil / Edition Günter Hänssler PH07052
Nach dem Tod Michael Tippetts im Jahre 1998 wurde es etwas still um das Werk des Engländers. Wenn es aber ein Tippett-Stück gibt, das immer wieder aufgeführt und auch eingespielt wird, dann ist es das Oratorium "A Child of Our Time" - das erste Hauptwerk Tippetts, uraufgeführt 1944. Tippet war ein konsequenter Pazifist, was ihn während des Zweiten Weltkriegs als Wehrdiensverweigerer ins Gefängnis brachte. Die Ablehnung von Krieg und Gewalt bestimmt auch den Inhalt von "A Child of Our Time": Anlaß zur Komposition war das 1938 von dem jungen Juden Herschel Grynszpan verübte Attentat auf einen deutschen Beamten in Paris, das wiederum den Nazis die lang ersehnte Berechtigung für die grausamen Judenpogrome gab, die unter dem euphemistischen Titel "Kristallnacht" unrühmliche Geschichte geschrieben haben. Grynszpan war für Tippett das archetypische "Kind unserer Zeit", der Sündenbock, an dem sich das atavisitische Aggressionspotenzial der Menschheit austobt. Das Wort "archetypisch" verweist denn auch auf den zweiten Hintergrund, der im Oratorium thematisiert wird: die Psychologie Jung'scher Prägung, der
sich Tippett stets verpflichtet fühlte. Die zu erzielende Versöhnung der positiven und negativen Kräfte des Menschen ist letztlicher Endpunkt des Werks, der sich in den (frei übersetzten) Worten "Erkenne ich Licht und Schatten in mir, werde ich endlich ein Ganzes sein" subsummiert.
Der vorliegenden Aufnahme kann in mehrerer Hinsicht eine gewisse Authentizität attestiert werden. Zum einen entstand sie in Dresden; die Synagoge dieser Stadt wurde während der Pogrome von 1938 völlig zerstört. Zum anderen steht mit Sir Colin Davis ein Dirigent am Pult, der sowohl zum Musikleben der Stadt Dresden als auch zur Musik des mit ihm befreundeten Tippett eine jahrzehntelange enge Beziehung hatte.
Bereits in den 70er Jahren hat Davis "A Child of Our Time" eingespielt (Philips), und seitdem hat sich seine Sicht auf das Werk spürbar verändert: Die neue, 2003 entstandene (Live-)Aufnahme ist vom Gestus her deutlich breiter, tragischer und betont auch stärker die Wahlverwandtschaft der Komposition zu den Oratorien Händels und den Passionen Bachs. Die Höhepunkte (etwa der Spiritual "Go Down Moses") kennzeichnet eine geradezu alttestamentarische Wucht, die der älteren Einspielung fehlt. Diese wiederum punktet mit größerer Durchhörbarkeit, einer insgesamt sehnigeren, schlankeren interpretatorischen Physiognomie sowie, vor allem, mit einem stärkeren Solistenquartett, unter anderen, Jessye Norman und Janet Baker. Nicht nur können die Dresdner Solisten hier nur bedingt mithalten (Robert Holl überzeugt hier am meisten), sondern es gibt mit dem Tenor Jerry Hadley eine echte Fehlbesetzung. Dennoch sei dieses Dokument aus der Reihe "Edition Staatskapelle Dresden" empfohlen, nicht zuletzt aufgrund des vorzüglichen Einführungstexts von Eberhard Steindorf. Ein Libretto findet sich im Beiheft allerdings leider nicht.
Thomas Schulz