Mystizismus und Sinnlichkeit

Umfangreiche CD-Editionen und Neuveröffentlichungen feiern Olivier Messiaens 100. Geburtstag am 10. Dezember 2008 - ein Überblick

Er war ein auf ganz spezielle Weise sinnlicher und zugleich der katholischste und spirituellste, einer der obsessivsten - nicht zuletzt, was seine Liebe zu Vogelstimmen und ihre Transformierung in Musik angeht - und einer der produktivsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Olivier Messiaen, lebenslang Organist in Paris, war ein zutiefst gläubiger Mensch und Pantheist, er hörte und komponierte Farben, seine Harmonien und komplexen rhythmischen Strukturen verdanken sich großteils fernöstlichen Einflüssen. Zur Feier des 100. Geburtstages am 10. Dezember 2008 ist das Angebot an Wiederveröffentlichungen und Neuaufnahmen seiner Werke auf Tonträgern denkbar reich.

Am vollständigsten und vielfältigsten ist die 32-CD-Box der Deutschen Grammophon mit allen Kompositionen, am dichtesten und komprimiertesten die 8-CD-Edition bei Hänssler. Sie enthält in exakt chronologischer Folge die Orchesterwerke (teils mit Chor) in großteils brandaktuellen und vielfach exzellenten Aufnahmen des SWR Sinfonieorchesters unter Sylvain Cambreling. Auch Naive (6 CD) und EMI (14 CD) bieten ihre - teils schon fast historischen - Messiaen-Aufnahmen im Paket an, Brilliant hat gerade eine erste umfangreiche Box veröffentlicht. Alle diese mehr oder minder großen Editionen kosten außerdem erstaunlich wenig.

Hört man sich die DG-Box von CD 1 bis 32 an, erstaunt die Vielfalt und Variationsbreite der Werke zwischen den ersten Klavier-Préludes aus den Jahren 1928/29 bis hin zum letzten großen Orchesterwerk von 1991 neben dem stets unverkennbaren Personalstil Messiaens. Die "Turangalila-Symphonie" aus dem Jahr 1949 reflektiert sinnlich und effektvoll, manchmal Pathos oder gar Kitsch kaum vermeidend, oft geradezu wollüstig erotisch den Mythos von Tristan und Isolde. Das ist besonders in der Aufnahme von Cambreling zu hören. Dazu kontrastieren Abstraktion und Konzentration von "Chronochromie" (1960) und der ursprünglich als Requiem in Auftrag gegebene, dann aber zum Auferstehungshymnus für Holzbläser, Blechbläser und Metallschlagzeug geronnene Zyklus "Et expecto resurrectionem mortuorum" (1964) - beides 1993 für DG exemplarisch eingespielt von Pierre Boulez mit dem Cleveland Orchestra. Die grandiosen, facettenreichen Schilderungen amerikanischer Natur und Vogelstimmen und ihre Transzendierung in "Des Canyons aux Etoiles" (Von den Canyons zu den Sternen, 1974), die Cambreling 2007 denkbar farbig und irisierend einspielte, finden ihre Überhöhung im letzten vollendeten Werk Messiaens, den "Éclairs sur l'Au-Delà".

Je länger man den verschiedenen Aufnahmen der "Streiflichter über das Jenseits" aus dem Jahr 1991 zuhört, desto größer strahlt die Magie dieses opus summum. Und das sowohl in der abgeklärten, feinsinnigen Einspielung unter Myung-Whun Chung aus dem Jahr 1993 (DG) wie noch schillernder, elektrisierender und dramatischer, rhythmisch geschärfter im Livemitschnitt der Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher aus dem Musikvereinssaal vom 20. Januar 2008 (Kairos). In den 11 Teilen zieht der 83-Jährige noch einmal alle Register seines Könnens, besinnt sich ebenso altersweise wie jugendfrisch originell auf Christus und das himmlische Jerusalem, sein eigenes Sternbild ("Schütze") oder noch einmal - und diesmal sehr direkt - in einzelnen Sätzen auf den melodisch-rhythmischen Reichtum von Vogelstimmen.

Die DG-Box ist weniger chronologisch, als vielmehr nach Werkgruppen geordnet. Viele CDs sind in der Zusammenstellung so belassen wie sie ursprünglich erschienen sind: Das "Concert à quatre" und "Un sourire" (Ein Lächeln) von 1989 und 1991 etwa wurden 1994 unter Myung-Whun Chung mit "Les offrandes oubliées" und "Le tombeau resplendissant" von 1930/31 gemischt. Allein sieben CDs sind der Solo-Klaviermusik mit Roger Muraro, sechs der Orgelmusik (Olivier Latry) und vier der grandiosen Oper "Saint Francois d?Assise" gewidmet - in einem Live-Mitschnitt aus Salzburg von 1998 mit José van Dam als überragendem Gestalter der Titelpartie.

Neben den Orchesterwerken ist auch die Kammermusik vollständig vertreten, nicht nur Populäres wie das 1940 im Gefangenenlager Görlitz komponierte "Quartett auf das Ende der Zeit", sondern auch so Eigentümliches wie die "Fetes des belles eaux" (1937) für sechs Ondes Martenots, dem elektronischen Lieblingsinstrument Messiaens, das seine Frau Yvonne Loriod (mehrfach zu erleben in der DG-Box) ebenso virtuos spielte wie Klavier, die skurrilen Fünf Stücke für zwölf gemischte Stimmen aus dem Jahr 1948 und die nicht minder experimentellen Sieben Haikus für Klavier und kleines Orchester (1962). "Poèmes pour Mi" von 1937 gibt es gar in zwei Versionen zu hören - einmal in der Fassung für dramatischen Sopran mit Klavierbegleitung, einmal mit Orchester! Ein 378 Seiten starkes Booklet widmet sich allen Werke ausführlich auf französisch und englisch (nicht deutsch!) und bietet den zweisprachigen Abdruck der Texte zu den Vokalwerken. Die Hänssler-Box enthält dagegen auch prägnante Erläuterungen auf deutsch!

Klaus Kalchschmid

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Auch einer der wichtisten Pianisten unserer Zeit nicht nur, aber eben auch für moderne und zeitgenössische Musik, Pierre-Laurent Aimard, steuert mit einer neuen Einspielung früher und mittlerer Klavierwerke auf einer CD eine wichtige Dreingabe zu den umfangreichen CD-Boxen und Sammlungen bei. Die Préludes komponierte Messiaen in den Jahren 1928-29, also in den frühen 20ern seines eigenen Lebens. Gewiß erinnert hier noch viel ans große Vorbild Debussy, man erkennt aber auch Messiaens eigene, sich davon emanzipierende Stimme. Die Ausdruckstiefe dieser Stücke mag erstaunen, doch wird sie nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sie als Reflex auf den Tod der geliebten Mutter entstanden sind - Stücke zwischen Trauer und freudvollem Erinnern. Aimard spielt das mit pathosfreier Emotionalität, klar und fließend.
Zwei Stücke aus dem Catalogue d'oiseaux (1956-58) machen die Wichtigkeit der Vogelstimmen als Inspirationsquelle für Messiaens Komponieren ab den 50er Jahren deutlich, wobei "La Bouscarle" einen wahren Zoo an Vögeln aufbietet.

Neben dem Ornitologen wird auch dem Ethnologen Messiaen auf dieser CD gedacht, mit zwei Stücken, die den Riten der Papuas gewidmet sind und die in ihrer rhythmischen Härte Messiaens Leidenschaft für die Kraft und Ungezügeltheit einer solchen "Natur"-Musik widerspiegeln. Aimard bleibt den Stücken denn auch nichts an Kraft und brillanter Stärke schuldig. (Pierre-Laurent Aimard: Hommage à Messiaen. Deutsche Grammophon)

Robert Jungwirth