Glotzen wie ein Schuhkarton

Melanie Walz (Helene) und Otto Katzameier (Lars) Foto: B. Uhlig/ Opéra national de Paris

Am Pariser Palais Garnier wurde Georg Friedrich Haas' und Jon Fosses Oper "Melancholia" uraufgeführt

(Paris, 10. Juni 2008) Komisch, komisch. Da gibt es einen echten Helden - wenn auch Antihelden, es gibt eine unerfüllte Liebesgeschichte, dazu agiert ein Bösewicht, der die wahre Liebe zugunsten des Familienrufs zerstört, Gefühle und gesellschaftliche Moral stecken also in genau jenem Konflikt, aus dem großartige Opernstoffe gemacht sind, und keine mulitmedialen Theorien und sozialphilosophischen Verstrickungen machen menschliche Empfindungen unzugänglich, und dennoch: die Oper "Melancholia", eine gestern Abend aus der Taufe gehobene Uraufführung von Georg Friedrich Haas im Pariser Palais Garnier, die sich des unglücklichen Lebens des norwegischen Maler Lars Hertervig annimmt, sie schießt emotional ins Leere. Dabei hat der renommierte norwegische Dramatiker Jon Fosse, dessen Theaterstücke zurecht an vielen Bühnen international gefeiert werden, das Libretto verfasst - aus seinem Roman "Melancholia". Der Maler Lars Hertervig steht kunsthistorisch zwischen der entrückten, noch intakten Romantik eines Caspar David Friedrich und der aufgewühlten subjektiven Expressivität Vincent van Goghs. Hertervigs Bilder bleiben trotz feiner Pinselzeichnung unscharf, verhaltene Traurigkeit paart sich in den naiven Motiven in fahlen Farbtönen, mit intimer Zuneigung. Liebevoll skizziert, doch unerreichbar wirken die Landschaften, Häuser, Reiter, Wolken. So scheint der Begriff der Melancholie, der zarte, vorverzweifelte Hauch eines unbestimmten Sehnens, sehr treffend. Hertervigs Können wurde Zeit seines Lebens nicht entdeckt, er litt zunehmend unter dieser Erfolglosigkeit und den daraus resultierenden depressiven Wahnvorstellungen. Erst nach seinem Tod 1902 fanden seine Bilder internationale Anerkennung.

Fragile psychische Brüche

Die dreiaktige Oper blickt auf Hertervigs Erwachen als Künstler und auf die Quellen seiner Inspiration. Und das ist vor allem eine: die erst 15-jährige Tochter Helene seiner Zimmerwirtin Frau Winkelmann in Düsseldorf, wo sich Hertervig als Student an der Akademie eingeschrieben hat. Der junge Hertevig kommt normalerweise den ganzen Tag nicht aus dem Bett, doch das junge Mädchen verzaubert ihn und seine depressiven Schübe verschwinden. Die zarte Liebe - auch Helene verliebt sich - schenkt dem Maler Schaffenskraft und Zuversicht - bis Helenes Onkel und Vormund Hertervig kurzerhand aus dem Haus wirft. Hertervigs Welt zerbricht. Nicht wissend wohin, vertreibt er sich die Zeit im "Malkasten", einer Kneipe, in der sich die Akademiestudenten amüsieren und nun den Außenseiter mit Hohn und Spott in seine ersten Halluzinationen stoßen. Gequält und vorgeführt im bierseligen Treiben hört Hertervig Helenes Rufen und sieht in der Kellnerin seine Geliebte, die auf ihn wartet. Hertervig kehrt zurück ins Haus Winkelmann, doch Helene weicht dem verstört wirkenden Geliebten ängstlich aus, bis auf Winkelmanns Einschreiten die Polizei den seelisch zerbrochenen Maler abführt. Das ist keine große Handlung, doch kennt man Fosses Handschrift, weiß man, dass ihm wenig genügt, um die Hintersinnigkeiten, die Zwischentöne, die fragilen psychischen Brüche seiner Figuren langsam aber stetig anwachsen zu lassen, bis allen erschöpft die Luft ausgeht.

Doch, was auf der Theaterbühne funktioniert, geht in der Oper nicht auf. Vor allem wegen einer völligen Fehleinschätzung des Inszenierungsteams. Hertervig und Helene, in banale cremeweiße Kostüme gepackt, agieren aneinander vorbei, emotional unglaubwürdig, geradezu schematisiert vor plattem Schwarz. Die Bühne hat Emmanuel Clolus, seit vielen Produktionen die rechte Hand des Regisseurs Stanislav Nordey, in einen haushohen einfallslosen schwarzen Kasten verwandelt, darin hängt ein weißes Tuch als Leinwand dräuend über der symmetrischen Architektur. Der 12-köpfige ebenfalls schattenschwarze stimmlich brillante Chor, mal die innere Stimme des Malers, dann die aufgepeitschte Kneipengesellschaft darstellend, darf sich verlangsamt von einer langweiligen Position in die nächste schieben. Am schlimmsten jedoch hat es der französische Regisseur Nordey mit Hertervig selbst gemeint. Ein gespreizter Zeigefinger an der Stirn, dazu weit aufgerissene Augen, so muss der Bariton Otto Katzameier den Wahnsinnigen mimen, meist zentral in der Mitte des toten Raumes verortet, spannungsfrei dumpf glotzend wie ein Schuhkarton.
Ist Hertervig verzweifelt, darf er auch mal an die Wand schlagen und in slow motion zu Boden sinken. Für die internationale Opernbühne ist das zu wenig. Zu wenig für die psychischen Schattierungen, auf die Fosse so viel Wert legt, zu wenig auch für die Musik.

Stimmen wirken gegenüber dem Orchester eindimensional

Georg Friedrich Haas' Komposition baut auf tiefen Grundtönen brummelnd mal spitze, mal donnernde Klangwände auf, die abrupt abbrechen. Feine rhythmische Muster, die schnell und kurz wiederholt werden, kreieren beständige Unruhe. Das Klangforum Wien unter dem wenig Spannungspausen nutzenden Dirigat von Emilio Pomarico wisperte, krächzte, kreischte. Überraschende Effekte in der Instrumentierung ließen die Gesangsstimmen stärker hervortreten und überließen diesen die melodiöse Ausschmückung. Haas sortierte geschickt die Stimmen stets über dem Orchesterklang, das sorgte für gute Textverständlichkeit. Doch neben der farbenreichen und aufgeladenen Orchesterpartitur wirkten die Stimmen eindimensional behandelt, oft szenisch unbeteiligt und im ständigen moderato zwischen Intervallen seltsam unmotiviert auf und ab schreitend. Selbst in der Kürze von eineinhalb Stunden schlich sich Gleichförmigkeit und Ermüdung ein, das Anschwellen wurde voraushörbar, verzweifelte Spitzentöne als Scheitelpunkte der musikalischen Entwicklung verhallten in der Wiedererkennung.

So gelang es Haas nicht gänzlich überzeugend, das "melancholische" reduzierte Geschehen, das Schicksal Hertervigs seinerseits mit feinem Pinselstrich nachzuzeichnen. Seine Herangehensweise geriet insgesamt emotional etwas zu laut. Eine andere Regie hätte gewiss die kleineren Schwächen auffangen können. Die Leistung der Sänger und des Orchesters hätten es mehr als verdient. Denn so sicher, wie man es selten in einer Uraufführung erleben kann, vollzogen Otto Katzameier, Helenedarstellerin Melanie Walz, in den Nebenrollen Daniel Gloger, Annette Elster und Martin Hill die mitunter sperrigen Phrasen und das intervallische Zickzack der Partien nach, die Energie aufgreifend, die aus dem Orchestergraben heraufklang. Dort fieberte das Klangforum Wien hochkonzentriert mit dramatischer Präsenz, zweifellos in Hochform. Es bleibt am Ende - als eine der schwarzen Mauern himmelwärts gezogen und Lars Hertervig der freie Weg in den nackten Bühnenraum gewährt wurde - nach dieser gescheiterten Inszenierung die Hoffnung, dass Haas' Oper an einem anderen Ort eine zweite Chance bekommt. Hertervig, Haas, Fosse - alle haben es verdient.

Julia Schölzel

www.operadeparis.fr