Regisseure zu Hirschen

Foto: Bayreuther Festspiele


Katharina Wagners "Meistersinger" auf dem Grünen Hügel in Bayreuth im zweiten Jahr

(Bayreuth, 4. August 2008) Auch im zweiten Jahr provoziert Katharina Wagners Inszenierung der "Meistersinger" am Ende heftige Buhrufe mit ihrer kühnen Umdeutung von Beckmesser zum Performance-Künstler, der diesmal einem Erdhügel den nackten Adam entsteigen lässt, der mit Eva Äpfel ins Auditorium auf der Bühne wirft, und einem Stolzing, der sich anbiedert, indem er kitschverdächtig ein Renaissance-Paar im ziselierten grünen Rahmen besingt.

Eingefleischte Wagnerianer verzeihen zwar Stefan Herheim im "Parsifal" ein Finale im Bonner Bundestag von 1951, nicht aber der Wagner-Urenkelin, dass sie im dritten Akt statt eines Aufzugs der Zünfte ein obzönes Ballett von Masken präsentiert, die mehr oder minder verfremdet kulturelle Größen in Unterhosen mit vorgebundenem Horn darstellen, darunter auch Wagner mit Barett und den schwerhörigen Beethoven. Auch nicht, dass statt eines jubelnden Festwiesenvolks Menschen auf einer Tribüne in Alltagskleidung erscheinen und zu Stolzings Preislied darunter uniforme Abendkleider und Smokings in weinrot/grün/schwarz offenbaren. Vor allem aber verzeihen sie der mutmaßlichen künftigen Hausherrin am Hügel nicht, dass beim "Wach(t) auf"-Chor ein modernes Regie-Team verbrannt wird und zu einem goldenen Hirschen geschmolzen wird, und dass zur Schlussansprache von Sachs, wenn er bei dunkel dräuender Musik vor welschem Tand warnt und die heil'ge deutsche Kunst hochhält, auf schwarzer Bühne zwei brozene, nackte Nazi-Recken aus dem Unterboden hochfahren und das Ganze als brauner Spuk endet.

Diesen dritten Akt hat Katharina Wagner für die Wiederaufnahme sogar noch verdeutlicht und präzisiert. Hier, in der zweiten Hälfte der Aufführung, kommt sie endlich auf den Punkt ihrer Deutung. Denn aus Stolzing, dem Ritter und Dichter macht sie einen - anfangs - provozierenden Body-Painter und zeigt am Ende, wie aus dem unangepassten Sachs ein Mitläufer wird, aus dem Pedanten Beckmesser aber - dank der Mittsommernachts-Prügelei und einem Happening in der Kunstschule - ein befreiter Künstler. Denn in der Johannisnacht reißen sich Scholaren den Talar vom halb-nackten Körper, das Volk versprüht mit Lust Farbe, während Klassiker-Büsten lebendig werden und heiter Paartanzen ausprobieren.

Sebastian Weigle musiziert mit dem Festspielorchester in diesem Jahr spontaner und freier, lässt den Streichern viel Auslauf und nimmt den Bläsern nichts von ihrer Strahlkraft. Doch anderes klingt rhythmisch nicht sehr prägnant, mit allzu flüchtigem Pinsel gemalt, gleichsam auf einen nassen Putz "al fresco" musiziert.
Auch bei den Sängern findet sich Licht neben Schatten: Michael Volle ist ein großartiger Beckmesser mit Mut zum differenzierten Spiel zwischen Ernst und Komik, dabei musikalisch und stimmlich souverän. Zwar hat er in Franz Hawlata einen nicht minder präsenten Gegenspieler, aber rein sängerisch gerät der Bass-Bariton nicht nur an seine Grenzen, sondern überschreitet sie permanent. Fast den ganzen Abend fürchtet man um seine Stimme, zittert mit ihm um deren Höhe und Durchschlagskraft. Der intelligente und so bühnensichere Sänger wäre gut beraten, die alles fordernde Partie erst einmal ruhen zu lassen. Michaela Kaune enttäuscht dagegen auf hohem Niveau. Denn aus München kennt man eine strahlkräftige und doch sensible Eva von ihr. In der zweiten Aufführung der diesjährigen "Meistersinger" aber ringt sie mit runder Höhe und klarer Tongebung, wird dabei oft metallisch. Klaus Florian Vogts herrlich tenoral strahlende Naturstimme klingt auch in diesem Jahr wie ein Rohdiamant, nicht geschmeidig und fokussiert genug, doch macht er dieses hoffentlich bald behobene Manko mit ungestümem, sichtlich animiertem Spiel wett. Nicht minder spielbegabt, aber musikalisch wie im letzten Jahr ein Glücksfall ist der David von Norbert Ernst, das Paradebeispiel eines lyrischen Spieltenors. Prägnant besetzt sind die Nebenrollen mit Markus Eiches geradezu grotesk eitlem Kothner und Artur Korn als autoritätsheischend volltönendem Veit Pogner. Und natürlich singt der Bayreuther Festspielchor wieder außer Konkurrenz. So schön und prägnant, so klar und geradezu überwältigend gut klingt ein Opernchor selten.

Im Herbst erscheint der Mitschnitt der auch im Internet zu sehenden und live auf den Bayreuther Volksfest-Platz übertragenen "Meistersinger" vom 27. Juli.

Klaus Kalchschmid