Violeta Urmana sang eine faszinierende Medea von Cherubini beim "Festival del Mediterrani" in Valencia, Zubin Mehta dirigierte
(Valencia, im Juni 2012) Wer denkt schon beim sommerlichen Valencia mit seinen Stränden und vollen Bars an eine so düstere Geschichte wie die der Medea des griechischen Dichters Euripides? Eine Königstochter wird von ihrem Mann Jason, für den sie ihre eigene Familie zurück gelassen und verraten hatte, verstoßen und rächt sich grausam, wobei sie auch ihre eigenen Kinder tötet. Kein unbedingt sommerliches Sujet. Wie auch nicht Wagners "Tristan und Isolde". Aber Helga Schmidt ist immer wieder für Überraschungen gut. Die Intendantin des Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia, dem futuristischen Prachtbau von Stararchitekt Santiago Calatrava, bot nicht etwa heitere südländische Bel-Canto-Opern zum mitsummen. Im Gegenteil.
Das 5. unter ihrer Leitung ausgerichtete "Festival del Mediterrani" bot Wagner, Verdi ("Il Trovatore") und eine ausgezeichnet interpretierte "Medea" von Luigi Cherubini. Die 1797 in Paris in Französisch uraufgeführte Oper um das dramatische Schicksal der Medea wurde in Valenca in italienischer Sprache gesungen. Um es gleich vorweg zu sagen: Sicherlich handelt es sich bei dieser "Medea" um eine der stimmlich und musikalisch interessantesten und besten Produktionen, die man bei den diesjährigen Sommerfestivals und darüber hinaus zu hören bekam. Selbst an der Scala in Mailand sind solche Aufführungen rar geworden. Wieder einmal ist es Intendantin Schmidt gelungen, mit immer weniger Geld, das ihr zur Verfügung steht, Grandioses auf die Beine zu stellen. Um Geld zu sparen nutzte sie einen Trick. Regisseur Gerardo Vera entwarf für die "Medea" und "Il Trovatore" ein einziges Bühnenbild, das sich aber vollkommen unterschiedlich aufstellen ließ und so den Eindruck erweckte, als ob es sich um zwei verschiedene Inszenierungen handeln würde. Damit konnte Geld gespart werden. Wichtig in einem Haus, das von den "verantwortlichen" Regional- und Lokalpolitikern anscheinend kaputt gespart werden soll. Leider, denn Helga Schmidt ist es zu verdanken, dass in nur wenigen Jahren aus einem vollkommen neuen Haus ohne Vorgeschichte eines der interessantesten europäischen Musiktheater wurde.
Regisseur und Bühnenbildner Vera und Kostümbildner Alejandro Andujar boten eine düstere Inszenierung. Das Verhängnis schwebt von Anbeginn über den Protagonisten. Der Zuschauer sollte erahnen, dass die heitere Stimmung am Hofe des Creonte, an dem sich Giasone (Jason) mit seiner neuen Frau Neris vermählen soll, nur von kurzer Dauer sein wird. Auch ohne Medeas Präsenz auf der Bühne, das macht diese Regie deutlich, ist sie immer anwesend. Im Kopf Jasons und vor allem im Kopf Neris. Ihre düsteren Ahnungen drückte der Regisseur mit düsterem Licht und den dunklen Farben der Bühnenbilder und der Kostüme aus. Violeta Urmana sangt die Medea. Nein, genauer: Sie war Medea.
Es war einfach eine Genuss, diese Frau auf der Bühne zu beobachten, die für diese Rolle wie geschaffen schien mit ihrer zu dramatischer Tiefe neigenden, ein wenig dunklen Sopranstimme sowie ihrem fantastischen schauspielerischen Talent. Man hielt bei ihren Arien den Atem an. Das Publikum bedankte sich mit minutenlangem Applaus.
Die gesamte Besetzung bot hohes Niveau. Dmitri Beloselski war ein eindrucksvoller Creonte. Serguéi Skorojodov ein Giasone, der glaubhaft und mit psychologischer Darstellungstiefe zwischen Neri und Medea hin und her schwankte. Maria José Montiel interpretierte eine Neris, die, von Ahnungen und Angst getrieben, glaubhaft ihr böses Ende voraussah. Als Frauentyp war sie physisch wie psychologisch das genaue Gegenteil von Urmanas Medea.
Zubin Mehta dirigierte das Orquestra de la Comunitat Valenciana, das zu Recht als eines der besten spanischen Orchester gilt. Übrigens leitete Mehta während des "Festival del Mediterrani" alle drei Opern.
Seine Interpretation Cherubinis verfügte über genau das richtige Fingerspitzengefühl, um diese vielschichtige Partitur genau zwischen Gluckscher Tradition, dem Einfluss des französischen Revolutionskomponisten Etienne Nicolas Mehul und den französischen Frühromantikern sowie dem jungen Donizetti anzusiedeln. Ein Ohrenschmaus der besonderen Art, der die Reise nach Valencia lohnte.
Mehta und Urmana: die beiden Stars des Abends. Eines unvergesslichen Opernabends.
Thomas Migge