In Starbesetzung und mit Altmeister Hans Neuenfels als Regisseur brachte die Bayerische Staatsoper Simon Mayrs Oper "Medea in Corinto" als faszinierendes und spannungsgeladenes Politdrama auf die Bühne
(München, 7. Juni 2010) Gegen die Rachegesänge dieser Medea sind die Zornesausbrüche von Mozarts Königin der Nacht fast ein Säuseln. "Sit Medea ferox" - Medea muß wild sein", schrieb der Librettist Felice Romani als Motto über seine Oper "Medea in Corinto", und der Komponist Simon Mayr nahm dieses Motto bereitwillig auf und setzte es auf durchaus eigene, höchst wirkungsvolle Weise um. So eigen und so wirkungsvoll, dass das Uraufführungspublikum von 1813 mehr irritiert als begeistert war. Erst die Wiederaufnahme brachte dem Werk jenen Erfolg, den es verdiente.
Dennoch geriet "Medea in Corinto", wie auch Simon Mayr als bedeutender Komponist zwischen Klassik und Romantik, in Vergessenheit. Umso erfreulicher, in welch großartiger Besetzung und spannungsvoll-faszinierender Inszenierung diese Medea jetzt an der Bayerischen Staatsoper zu erleben ist.
Kaum zu glauben, dass die graue Eminenz des Opernregie-Theaters, Hans Neuenfels, damit ihren Einstand an Bayerns erstem Haus gibt. Besser spät als nie, kann man da nur sagen. Und Neuenfels, der Politisierer unter den Opern-Regisseuren, offeriert dieses Drama um verratene Liebe, Machtgier und tödlichen Hass, wie man es von ihm erwartet, als einen Politkrimi um Macht und Machmissbrauch, um den Zynismus von Macht und die geringe Halbwertzeit von echten Gefühlen in höheren politischen Gefilden.
Wunderbar etwa, wie die Königin in spe Creusa (Elena Tsallagova) in ihrer Liebesszene mit Jason (Ramon Vargas) fast mehr mit dem Regentenschreibtisch flirtet als mit ihrem Zukünftigen. Und wenn Jason dann später ebenfalls die Kraft der Liebe besingt, setzt er sich die Königskrone auf und singt diese an. Das ist schneidend pessimistisch, wird aber jeden Tag aufs Neue bestätigt in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - die Buhs aus Teilen des Publikums am Ende gegen Neuenfels rühren vermutlich daher, dass er in dieser Inszenierung unbequeme Wahrheiten sehr deutlich macht. Auf der Opernbühne wird das nicht von allen goutiert. Gegen Neuenfels' handwerkliche Qualitäten konnten sich die Buhs jedenfalls nicht gerichtet haben. Die Sänger werden tatsächlich zu Schauspielern. Was will man mehr?
Neuenfels entfesselt großes Operntheater, mit Intelligenz, Kraft und bitterer Ironie. So geht er auch auf Distanz zum Geschehen, wenn es sein muß, macht aus einem banalen Jubelchor eine dumme Masse ahnungsloser grauer Jasager. Und es gibt jede Menge Brutalität und Tote - Kollateralschäden von Macht eben, wie im richtigen Leben.
Dass Medea, die selbst zwar auch reichlich Schuld auf sich geladen hat, angesichts der Verkommenheit dieser politischen Akteure zur Furie wird, ist nicht verwunderlich. Nadja Michael singt und spielt sie mit hinreißender Verve und stimmlicher Durchschlagskraft. Eine Partie, die die Extreme auslotet und enorme stimmliche Fähigkeiten erfordert, von der intimen Seelenqual im Duett mit einer einzelnen Solovioline (mit schönem Ton: Julia Dausacker) bis hin zu sich überschlagenden Racharien, wozu Mayr es aus dem Orchester gar gruselig zischeln läßt. Michael überzeugt auch in diesen Extremen mit einer manchmal fast schon beängstigend kraftvollen Stimme. Alastair Miles als Kreon ist ein beeindruckender verkommener, alter Monarch mit grenzenloser Verachtung allem und jedem gegenüber, der sich ihm in den Weg stellt, stimmlich und darstellerisch ganz auf der Höhe, Ramon Vargas und Elena Tsallagova runden das Protagonisten-Ensemble überzeugend ab.