Anschreien gegen die Weltordung der Männer

Marlis Petersen und Adrian Eröd Foto: Wiener Staaatsoper / Axel Zeininger

An der Wiener Staatsoper erlebte Aribert Reimanns Oper "Medea" ihre sehr erfolgreiche Uraufführung, dirigiert von Michael Boder

(Wien, 1. März 2010) Wenn heute jemand eine "Medea" vertonen kann, dann wohl nur einer: Aribert Reimann. Seit seinem "Lear", uraufgeführt vor 30 Jahren an der Bayerischen Staatsoper, weiß man, dass er einen gewaltigen Stoff des Welttheaters in großes, spannendes Musikdrama verwandeln kann, einen Shakespeare-Stoff, vor dem einst selbst Giuseppe Verdi zurückschreckte. An der Wiener Staatsoper erlebte nun Reimanns grandiose "Oper in vier Bildern" ihre Uraufführung: Nach "Medea", dem "dramatischen Gedicht" Franz Grillparzers und dem letzten Teil seiner Trilogie "Das goldene Vließ", hat der Komponist selbst ein Text-Konzentrat erstellt, das die Essenz des Dramas darstellt, die Konflikte sogar verschärft und seiner Musik den gebührenden Raum verschafft. Am Ende einhelliger, lang andauernder Applaus für alle Beteiligten.

Grillparzers Tragödie von der Zauberin Medea, die aus Liebe Jason hilft, in Delphi das goldene Vlies zu rauben und damit die rechtmäßige Herrschaft in Iolkos im griechischen Thessalien zurückzugewinnen, dadurch aber mitschuldig wird am Tod des eigenen Bruders und an Jasons Onkel, ist ein Drama von antiker Gewalt und Tragik, dessen verwirrende Vorgeschichte ebenso im Dunkeln bleibt, wie das Verhältnis zwischen Jason und Medea, wenn sie im Exil in Korinth eintreffen. Damit beginnen Schauspiel und Oper. Doch die Assimilation gelingt Medea nicht. Deshalb wird sie von König Kreon verstoßen und muss ihre Kinder in die Obhut von Jasons neuer Geliebter Kreusa, der Tochter Kreons, geben. Gedemütigt und verzweifelt tötet Medea die kleinen Söhne, vergiftet Kreusa und geht mit dem goldenen Vließ zurück nach Delphi. Jason bleibt gebrochen zurück.

Dieses Ende, wenn die unglaublich spannungsgeladene, immer wieder bis zur Schmerzgrenze trennscharfe Musik der Extreme endlich zur Ruhe kommt, ist bei Reimann abgewandelt: Jason, der in Gestalt des famosen jungen Baritons Adrian Eröd den ganzen Abend latent oder offen agressiv agierte, erkennt, dass er Medea trotz ihres Amoklaufs, der auch ihn in mehrfacher Hinsicht schwer verletzte, immer noch liebt: "Sprich es aus, Medea, ich liebe!" fordert er sie zudem auf, um schließlich zu resignieren: "Geht, Schatten meiner Kinder denn voran und leitet mich zum Grab, das meiner harrt." Noch einmal bäumt sich die Musik auf, ja schreit sie ein letztes Mal gellend laut auf und doch seltsam gedämpft wie hinter einer Wand.
 
Knappe zwei Stunden, getrennt durch eine Pause - "notwenig für alle", so Reimann - lauscht man gebannt dem Dialog von unisono gesetzten Streicher- oder Bläser-Melodien gegen die expressiv gezackten, typisch Reimannschen Gesangs-Melismen, oft ausufernde Koloraturen - vor allem für die Frauen.
Medea - Marlis Petersen mit faszinierend wandlungsfähigem Sopran, rhythmisch wie in den Koloraturen unglaublich sicher - scheint sich damit befreien zu wollen vom Panzer, den die Musik - und ihre Umwelt - manchmal um sie legt, sie zu ersticken droht, um dann wieder ihre Stimme der Leere auszusetzen, sie im unbegleiteten Singen einsam anschreien zu lassen gegen eine Weltordnung der Männer. Sei es in Gestalt eines schwachen, aber mächtigen Königs, wie ihn Charaktertenor Michael Roider als Kreon prägnant zeichnet, oder einen Counter-Tenor wie Max Emanuel Cencic, der Jason und Medea mit seinem ebenso intensiv wie virtuos sinnlich herausgeschleudertem Bann belegt. Adrian Eröd spielt und singt Jason mit einer explosiven Mischung aus jugendlichem Übermut und der Überheblichkeit des Opportunisten, der sich stets wie unter Druck bewegt und fast jede Phrase mit einer Wut singt, die ihr Ziel eigentlich nicht kennt.

Elisabeth Kulman ist als Dienerin Gora warnende und beschwichtigende (Mezzo-)Stimme aus der kolchischen Heimat Medeas. Kreusa dagegen parodiert Reimann als Koloratur-Zwischer-Vogel, den hohes Schlagwerk, Harfe und eine wild sich gebärdende Celesta umklingeln. Michaela Selinger füllt diese Rolle perfekt aus. Wenn Medea versucht, sich ihrer Welt anzupassen und eine gefällige Melodie zu lernen, wird daraus ein schillerndes Duett mit schaurig schön verstimmter Harfe, ein Moment gefährlich abgründiger Heiterkeit, der im Moment des Scheiterns schnell in einen Tobsuchtsanfall Medeas umschlägt. Oft wird ein solcher Augenblick nur Sekunden zuvor von der Musik vorbereitet, gespiegelt oder findet einen farbigen Nachklang. So karg Reimann oft seine Klänge setzt, sie mit scharfen Glissandi würzt oder vom gellenden Schlagwerk zerreiben lässt, so unmittelbar "spricht" diese Musik zum Zuhörer, bannt ihn in jeder dieser 110 Minuten.

Leider kann man das von der Inszenierung nur eingeschränkt sagen. Dabei hat sich Marco Arturo Marelli ein durchaus beeindruckendes Bühnenbild gebaut: eine silbergraue Lava-Steinwüste wird erst allmählich in ihrer ganzen Kargheit und Bedrohung sichtbar. Später überrollt sie mit einzelnen Brocken sogar den Schauplatz, während ein riesiger, von Jalousien verhüllter Kubus als Palast Kreons wie ein Damoklesschwert über der Bühne schwebt. Wenn der Boden auf Bühnenniveau abgesenkt wird und seine Bewohner freigibt, verheißt das nie Gutes, sondern konfrontiert Medeas archaische Welt mit einer weißen, glatten Moderne. Leider bleiben die Kostüme von Dagmar Neifind dahinter ästhetisch weit zurück und allzu plakativ. Das muss man leider auch von der Regie sagen, die Medea zum gebückt lauernden Tier macht und Kreusa, die Musik doppelnd, zum dummen Girlie, während die übrigen Figuren szenisch allzu blass bleiben.

Dennoch behauptet sich die Musik, nicht zuletzt im Graben dank der Wiener Philharmoniker unter Michael Boder, die diese Uraufführung mit einer Intensität spielen, als wär's ein Stück Repertoire, das sie längst verinnerlicht haben. So erhärtet sich im Laufe des Abends der Eindruck, dass Reimann den bedeutenden und höchst unterschiedlichen Versionen des Medea-Mythos auf der Opernbühne von Cavallis "Giasone" (1648) und Charpentiers "Medée" (1693) über Cherubinis "Medée" (1797) und Johann Simon Mayrs "Medea in Corinto" (1813) bis zu Liebermanns "Freispruch für Medea" (1982) eine nicht minder gewichtige hinzugefügt hat, die einen ähnlichen Siegeszug über die Bühnen der Welt antreten könnte wie sein "Lear".

Klaus Kalchschmid

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Donnerstag, 04-03-10 19:06

Astrid Happ aus Uttenreuth

Beeindruckend, leider sind nicht alle Fremdwortbegriffe
geläufig!