Schlingensiefs "Mea Culpa" als Gastspiel in München
(München, 14. September 2009) Christoph Schlingensief hat mit seiner überbordend anspielungsreichen, ebenso verspielten wie chaotischen "Parsifal"-Inszenierung 2004 in Bayreuth das Wagner-Mekka mitsamt seinen Pilgern aufgemischt. Wenn nun "Mea culpa" dank des ehemaligen Burgtheater-Chefs Klaus Bachler, der in München zu Nikolaus Bachler wurde, für zwei Tage an die Bayerische Staatsoper findet, dann ist das in mehrfacher Hinsicht beziehungsreich. Denn anders als in Wien ist der Orchestergraben des Nationaltheaters mit einem Schalldeckel à la Bayreuth überbaut und wenn zu Parsifal-Klängen der Vorhang aufgeht, wird eine Drehbühne sichtbar mit Türmen, Zimmern, Gerüsten und Säulen samt Projektionen aller möglichen Tiere (Robben über Fledermäuse bis zu Schwalben und Schlangen), von überlebensgroßen Kerzen und Flimmern wie am Ende einer Filmrolle (Bühne: Janina Audick). Eine Anspielung auf Schlingensiefs Bayreuther Inszenierung?
Doch in den fünf Jahren seither ist viel passiert, der heute 48-Jährige thematisierte den Kampf mit seiner Krankheit in einem bemerkenswerten Buch und tourte im Januar 2009 durch Afrika, um den richtigen Platz für ein Festspielhaus zu finden. Im März dieses Jahres dann also nach "Der Zwischenstand der Dinge" am Berliner Maxim Gorki Theater und "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" (Ruhrtriennale 2008) die Premiere des dritten und heitersten Teils seiner Krebs-Bewältigungs-Trilogie am Burgtheater.
"ReadyMadeOper auf dem Rücken von Bach, Beuys, Goethe, Grieg, Immemndorf, Jarman, Jelinek, Kálmán, Kierkegaard, Mahler, Nietzsche, Schönberg, Schubert, Schumann und Wagner" nennt Schlingensief das verstörende, erheiternde, bewegende, parodistische, aber auch pathetische Amalgam aus Oper, Operette, Rock, Gospel, Schauspiel und Komödie. Der erste Akt ist - wie bei Wagner - der längste, aber auch der absurdeste und komischste. Er beginnt mit den (von Arno Waschk) verdichteten originalen ersten Szenen des "Parsifal", einstudiert vom Personal "der größten Ayurveda-Klinik Mitteldeutschlands" mit schwarzen Krankenschwestern in Weiß und einem schwarzen Gurnemanz (Joseph Damian Ortiz Garcia), der zum Beginn des zweiten Aktes ("Jenseits der Grenze") flugs zu Klingsor mutiert.
Doch erst einmal gibt es eine herrliche absurde Show im Speisesaal der Klinik: mit Margit Carstensen als Leiterin, Irm Hermann, die Gedichte rezitieren darf und auch sonst immer wieder durchs Stück geistert, und einer Reihe weiterer (Laien-)Schauspieler und Sänger. Eine Kleinwüchsige im Kinderkleidchen wird später zum katholischen Bischof im vollen Ornat, Kundry (Mira Partecke) verpasst ihren Auftritt und darf sich gleich zweimal erschießen, weil niemand von ihr Notiz nimmt.
Zentrale Figur ist Christoph Schlingensiefs alter ego namens Christoph (Joachim Meyerhoff) - und neben ihm Fritzi Haberlandt als seine von allem etwas überforderte Verlobte. Er nimmt es verbal und physisch mit dem Krebs auf, schwadroniert über die Krankheit aus einer überdimensionalen Krebszelle aus Pappe heraus, um sie "von innen heraus zu zerstören". "So ein Quatsch", befindet er selber und sucht sein Heil in Afrika. Doch zuvor tritt der echte Christoph Schlingensief auf und kommentiert eigene Filmbilder aus dem Regenwald auf riesiger Leinwand. Da wird überbelichtet in weißen Kutten gegeigt, Schlingensief aber philosophiert über den Gehalt von Schwarzfilm und improvisiert eine Lesung am kleinen Schreibtisch an der Rampe.
So führt der Weg im dritten Akt konsequent vom fränkischen "Grünen Hügel zu den grünen Hügeln in Afrika". Überschrieben "Ein Blick ins Jenseits" gibt es da eine konkrete Ahnung des Festspielhauses, dessen Dimensionen schon die Bühne füllt, das aber zugleich noch als goldstrahlendes Modell im Zentrum der Bühne steht. Am Ende findet bereits die noch in den buchstäblich leuchtenden Sternen stehende Eröffnung statt. Verstorbene mischen sich in die skurrile Festgesellschaft und dann beginnen magische Minuten, wenn eine 82-jährige ehemalige Opernchoristin (Elfriede Rezabek) herzergreifend und mit großer Intensität live Isoldes Liebestod singt - zu Musik, die vermeintlich aus dem Graben, in Wirklichkeit aber vom Band kommt (gespielt vom Viva Musica Festival Orchestra Bratislava).
Der Bühnen-Christoph bedankt sich artig und sichtlich bewegt, aber sagt auch unmißverständlich: "Ich mag noch nicht!" und zieht den kleinen Vorhang im Theater auf dem Theater zu, bevor der große sich schließt und donnernder Applaus im bis auf den letzten Platz ausverkauften Nationaltheater einsetzt.
Klaus Kalchschmid
Eine DVD der Produktion ist zum Subskriptionspreis von 19,99 Euro (versandkostenfrei) in der "edition BURGTHEATER" der Hoanzl VertriebsGmbH über vertrieb(at)hoanzl.at zu bestellen. Die Auslieferung erfolgt ab 30. Oktober.