Zum 70. Geburtstag des Pianisten Maurizio Pollini hat die Deutsche Grammophon eine Kassette mit Werken des 20. Jahrhunderts veröffentlicht
Vor wenigen Tagen feierte Maurizio Pollini seinen 70. Geburtstag. Noch immer ist der italienische Pianist auf den bedeutenden Konzertpodien der Welt anzutreffen, wenngleich nicht mehr ganz so häufig wie früher. Vor kurzem erst wieder im Herkulessaal in München, wo übrigens viele von Pollinis Platten- und CD-Aufnahmen entstanden sind.
Wie nur wenige seiner Kollegen hat sich Pollini, obgleich er zunächst vor allem als Chopin-Interpret internationale Berühmtheit und Anerkennung erlangte, für die Musik des 20. Jahrhunderts engagiert. Mit dem Komponisten und Landsmann Luigi Nono verband ihn sogar eine enge persönliche Freundschaft. Das Werk Arnold Schönbergs gehörte von Anfang an zu Pollinis Repertoire, legt es doch gewissermaßen den Grundstein für die moderne Klaviermusik des 20. Jahrhunderts.
Dabei lässt Pollini nicht nur den Geist der Abstraktion in Schönbergs Musik hörbar werden, sondern auch die tiefe Verwurzelung dieser Musik in der Expressivität der Spätromantik, von der man Schönberg nicht abkoppeln kann. Diese Dualität erfahrbar zu machen, zeichnet die Aufnahmen von Schönbergs Klaviermusik in der Interpretation Pollinis aus.
Nicht minder überzeugend sind übrigens die Einspielungen von Werken der Schönberg-Schüler Alban Berg und Anton Webern - gesammelt zu hören in einer sechs CDs umfassenden Box mit einer Auswahl von Interpretationen Pollinis von Musik des 20. Jahrhunderts, die die DG jetzt um zum 70. Geburtstag des Pianisten herausgebracht hat - dabei handelt es zum Teil um Neuzusammenstellungen, zum Teil um Neuauflagen von Veröffentlichungen aus den 70er bis 90er Jahren. Vertretene Komponisten sind neben Schönberg, Berg und Webern auch Strawinsky, Prokofjew, Debussy mit den Etüden und dem ersten Buch der Preludes, Bartok mit den beiden Klavierkonzerten unter der Leitung von Claudio Abbado, Boulez mit seiner zweiter Sonate und natürlich Nono mit den beiden für ihn, bzw. ihn und Claudio Abbado komponierten Werken "Come una ola de fuerza y luz" für Sopran, Klavier, Orchester und Tonband und "sofferte onde serene", zu übersetzen mit "durchlittene heitere Wellen" für Klavier und Tonband. "Come una ola de fuerza y luz", zu übersetzen mit "Wie eine Woge aus Kraft und Licht" von 1971/72 ist eines von Nonos dezidiert politischen Werken, das dem chilenischen Revolutionär Lusiano Cruz gewidmet ist. Pollini, Abbado und Nono engagierten sich in diesen Jahren sehr für den Kommunismus. "Sofferte onde serene" markiert dann den Übergang von Nonos politischen Werken zu den mehr verinnerlichten der späteren Jahre.
Schon die erste Platte, die Pollini für die DG im Jahr 1972 im Herkulessaal in München aufgenommen hat, beinhaltete ausschließlich Werke des 20. Jh. Strawinskys Drei Sätze aus Petruschka und die Prokofjews siebente Sonate. Fast schon mit staunen stellt man fest, dass es Maurizio Pollini 1978 gelungen ist, die DG von der Notwendigkeit einer Platte mit Weberns Variationen opus 27 und der nahezu unspielbaren zweiten Sonate von Pierre Boulez aus dem Jahr 1947/48 zu überzeugen. Selbst Megastars wie Lang Lang wären heute wohl ziemlich erfolglos mit solch einem Vorhaben, darf man vermuten.
Faszinierend auch die große strukturelle und rhythmische Klarheit in den Etüden und Préludes Debussys, die dieser 1910-15 komponierte. Auch wenn natürlich Chopin mit seinen Etüden ein Vorbild für Debussy war, würde ein ein zu romantischer Zugriff die Modernität dieser Stücke einnebeln. Pollini gelingt es, ihren Charme zwischen Geistigkeit und Verspieltheit einzufangen.
Schade allerdings, dass es keine Aufnahmen Pollinis von Werken Stockhausens und Ligetis gibt.
Robert Jungwirth