Zeitstücke: "Wallenstein" und "Mathis der Maler", konzertant im Wiener Konzerthaus, szenisch in der Züricher Oper
(Wien und Zürich, Mitte Juni 2012) Merkwürdig oder auch nicht: Wie sich zu bestimmten Zeiten bestimmte Themen den Komponisten geradezu aufdrängen! In den 1930er-Jahren waren das kriegerische Themen aus der frühen Neuzeit, Geschichten aus dem großen deutschen Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts oder aus der Zeit des 30jährigen Krieges von 1618 - 1648. Und manchmal will es der Zufall, dass an verschiedenen Orten gleich zwei dieser Opern zu hören sind: im Wiener Konzerthaus Jaromir Weinbergers "Wallenstein" (nach Friedrich Schiller, uraufgeführt in Wien im Herbst 1938) in konzertanter Form, an der Zürcher Oper Paul Hindemiths Künstlerdrama "Mathis der Maler" (uraufgeführt in Zürich, ebenfalls im Jahr 1938). Und doch sind diese beiden Opern in der Wahl ihrer künstlerischen Mittel grundverschieden: Während Hindemith in Melodie und Harmonik auf die vorklassische Diatonik zurückgreift und dem Werk - zusammen mit der reichen Verwendung des Kontrapunkts - einen herben musikalischen Charakter einschreibt, setzt Weinberger, von dem der durchschnittliche (und meist ältere Opernliebhaber) wenig mehr weiß, als dass er der Komponist von "Schwanda, der Dudelsackpeifer" ist, auf die musikantischen Qualitäten einer Musik, die durch melodischen Einfallsreichtum glänzt. Weinberger war ja generell einer der hervorragendsten Vertreter einer Richtung, die man wohl am besten als post-romantische Tonalität charakterisieren kann und die vom Nationalsozialismus vernichtet wurde, weil der Komponist, wie Berthold Goldschmidt, Jude war und außer Landes gejagt wurde.
"Mathis der Maler"
Während Weinberger aus rassistischen Gründen "gehen" mußte, emigrierte Hindemith gewissermaßen aus künstlerischer Raison, weil man seine Musik als "entartet" auf den braunen Index setzte. Weinbergers Oper wurde nach 1938 nie aufgeführt und erst vor wenigen Jahren im ehemaligen Ostdeutschland (deutsche Erstaufführung 2009 in Gera, 2011 Aufführungen in Altenburg, Thüringen) wiederentdeckt. "Mathis der Maler" hingegen hat immer wieder den Weg auf die Bühne gefunden. Leicht zu inszenieren sind beide Opern nicht. Aber die künstlerische Substanz von Hindemiths packendem Künstlerdrama (das ja für den vom NS-Regime verfemten Komponisten eine sehr persönliche Komponente miteinschloss) ist sicherlich dichter, sozusagen auch mit geschlossenen Augen zu erfühlen. Und es ist ein Thema, das in jeder Zeit einen aktuellen Bezug hat, weil die Unterdrückung, Gängelung und Knebelung künstlerischen Schaffens immer auf der Tagesordnung von herrschaftlichen Verhältnissen stehen.
Auch von der Züricher Aufführung ist es die musikalische Seite, die in Erinnerung bleiben wird. Während von der Premiere Überlautstärke berichtet wird, war die zweite Vorstellung geradezu perfekt austariert, und Daniele Gatti, der Chefdirigent der Zürcher Oper in der Spätphase der Ära Alexander Pereira, hatte das doch sehr blechlastige Orchester in dem kleinen Haus gut unter Kontrolle. Auch der Chor zeigte sich den Anforderungen des Stücks gewachsen.
Die Inszenierung von Matthias Hartmann (Burgtheater-Chef zu Wien) wirkte lange Zeit hinbuchstabiert, hölzern und in manchen Massenszenen geradezu hilflos. Nur in den letzten Bildern gewann sie an Lebendigkeit und Dichte, ein Vorgang, der freilich schon in der Dramaturgie des Stücks vorgezeichnet ist und wohl jeden Regisseur anspornen muss. In diesen drei starken Bildern (die Oper - auch das verbindet sie mit "Wallenstein" - ist in Bilder gegliedert, nicht in Akte) wuchs auch der hervorragend disponierte Thomas Hampson ganz über sich hinaus. Mit Mathis, dem Maler, hat er eine neue Rolle für sich erobert, in der man ihn wohl auch anderswo mit offenen Armen empfangen wird.
Auch die anderen Charaktere waren stimmlich bemerkenswert konturiert, allen voran Reinaldo Macias als kultur-toleranter Kardinal Albrecht von Brandenburg und Erin Caves als Bauernführer Hans Schwalb, Sandra Trattnigg als seine Tochter Regina und Emily Magee als Mainzer Bürgerstochter Regina, die eine mehr lyrisch, die andere mit dramatischeren Nuancen. Für schauspielerischen Schliff war im Detail wohl wenig Zeit, und so gab es neben differenzierten Auftritten auch manch hohle Sängergeste, die in dem stilisierten Raum (Bühnenbild: Johannes Schütz) nicht verborgen bleiben konnte.
...zu Pereiras Abschied aus Zürich
"Mathis" ist Alexander Pereiras letzte Premiere im Rahmen einer Schluss-Saison, die all jene Lügen strafte, die dem Intendanten vorhielten, er pflege eine populistische, leichtgewichtige Linie. Das hat er auch zuweilen zuwegegebracht. Und doch immer wieder Ausgrabungen riskiert, nicht übermäßig oft im neuen Repertoire, eher mit Werken der Romantik, der letzten Jahrhundertwende und der 1920er-Jahre. Und er hatte eine gute Hand für Dirigenten und massentaugliche Regisseure ebenso wie für attraktive Sängernamen. Vor allem aber hat er auf etwas gesetzt, was heutzutage etwas aus der Mode gekommen ist: die Pflege des Ensemblegeistes. Dass er mit der Steigerung der Zahl der Premieren den Apparat des Hauses bis an die Grenzen in Anspruch nahm, ist bekannt. Sein Nachfolger, Andreas Homoki, wird vermutlich daran zu tragen haben.
Mit einer Aufführung von Giuseppe Verdis "Falstaff" wird die Ära Pereira in Zürich am 8. Juli zu Ende gehen. In Salzburg warten neue Aufgaben auf ihn. Er geht in die Intendanz der Salzburger Festspiele mit dem offensiven und kämpferischen Geist, der ihm immer eigen war. Die ersten Rücktrittsdrohungen für den Fall, dass seine Ideen blockiert werden, sind bereits auf dem Tisch. Pereira ist und bleibt, um es offen heraus zu sagen, ein Überzeugungstäter im positiven Sinn des Wortes.
"Wallenstein" in Wien
Blick zurück nach Wien, wo Pereiras Intendantenkarriere vor vielen Jahren - 1984 - als Generalsekretär des Konzerthauses begann. Dort fand, drei Tage vor der Züricher Premiere von "Mathis der Maler", eine bemerkenswerte konzertante Opernaufführung statt. Von Jaromir Weinberger, wir sagten es schon, kennt man wenig mehr als "Schwanda, der Dudelsackpeifer". Diese Oper war ein großer internationaler Erfolg. (In der Tschechoslowakei war dem 1927 am Prager Nationaltheater uraufgeführten Werk nur ein durchschnittlicher Aufnahme beschieden.) Innerhalb weniger Jahre wurde "Schwanda" - in 17 Sprachen übersetzt - in der ganzen Welt mehr als 2000 Mal aufgeführt, unter anderem in München, wo sich Hans Knappertsbusch für die Vergabe eines Kompositionsauftrages an Weinberger einsetzte. Die Uraufführung der neuen Oper ("Die geliebte Stimme") wurde aber ohne großen Enthusiasmus zur Kenntnis genommen. Ähnlich erging es dem Komponisten mit "Die Ausgestoßenen von Pokerflat" (1932), einigen Operetten und dem 1937 in Wien uraufgeführten "Wallenstein". "Schwanda" hielt sich bis in die 1960er-Jahre im Repertoire der deutschsprachigen Bühnen. Heute ist diese Oper fast verschwunden. Auch das hat seinen NS-Grund: Weinberger mußte als Jude 1938 emigrieren. 1967 starb er, von Hirnkrebs zermürbt, in den USA durch Selbstmord.
"Wallenstein" hat, wie Hindemiths Oper über den Maler Mathias Grünewald, den Schöpfer des Isenheimer Altars, einer epische Struktur. Die kommt allerdings nicht von Brecht her (mit dem Hindemith in den späten 1920er-Jahren zusammengearbeitet, sich mit ihm aber 1930 überworfen hatte), sondern von Friedrich Schiller. Durchaus abwechslungsreich ist die Musik. Sie hat Ohrwürmer wie den "Pappenheimer Marsch", schlägt im 3. Bild - auch Weinberger gliedert die Oper nicht in Akte, sondern komprimiert sie in sechs Bilder, die sich auf den letzten Teil der Schillerschen Trilogie konzentrieren - lyrische Töne an, dürfte aber, wenn man sie auf die Bühne bringt, nicht unerhebliche Probleme bereiten. (Abgesehen davon ist es für ein durchschnittliches Operntheater nicht einfach, 20 Solisten aufzubieten.)
In einer konzertanten Aufführung wie in Wien, lässt sich das Problem durch Mehrfachbesetzungen etwas leichter lösen. Wie bei "Mathis" ist das wahre Fundment, auf dem die Aufführung ruht, das Orchester – im vorliegenden Fall das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, wenn es von einem Mann wie Cornelius Meister dirigiert wird. Dass das Orchester im Durchschnitt zu laut war, steht auf einem anderen Blatt, jenem des dramatischen Übereifers und der mangelnden Erfahrung bei der Balancierung von Opernstimmen und Instrumenten auf einem Konzertpodium. Das wird auf der CD, die als Livemitschnitt mit entstand, gewiss ins Gleichgewicht gebracht werden.
"Wallenstein" hat - wenig überraschend - eine überragende Männerolle, die des Protagonisten, die in Wien mit mit Roman Trekel, einem Bariton von dramatischem Zuschnitt, ganz herausragend besetzt war. Er wusste selbst in der konzertanten Wiedergabe den großen Feldherrn herauszukehren. Aber auch die mittelgroßen Rollen (Martina Welschenbach als Wallensteins Tochter Thekla, Daniel Kirch als in sie verliebter Max Piccolomini) waren sehr gut besetzt. Nur Dagmar Schellenberger fiel als Gräfin Terzky etwas ab.
So packend Weinbergers Oper in manchen Bildern ist, sie leidet an dem Nachteil vieler Literatur-Vertonungen: einer gewissen Textlastigkeit, die immer wieder Längen und Spannungsabfall produziert. Aber auch der Komponist selbst hat es an zentralen Stellen, wie dem Monolog des Wallenstein im 2. Bild, an Animo fehlen lassen. Dennoch: Vergessenswert ist diese Oper, die im November 1937, gerade noch rechtzeitig vor dem "Anschluß" Österreichs ans deutsche Hitlerreich uraufgeführt wurde, wahrlich nicht. Vielleicht vermag ja eine szenische Aufführung einige Schwächen auszubügeln, die im konzertanten Rahmen stärker in den Vordergrund treten.
Derek Weber