"Bei der Uraufführung hat's uns zerrissen"

Martin Grubinger Bild: Chr. Schneider

(Stuttgart, 8. November 2010) Gerade ist seine Platte "Drums N'Chant" erschienen - die kühne Verknüpfung von Gregoranischem Choral der Benediktinermönche von Münsterschwarzach mit der Percussion von Martin Grubinger and Friends. Damit hat der junge Star-Drummer Kritiker und Hörer gespalten, in Stuttgart aber bekam er gerade wieder einhelligen, enthusiastischen Beifall - für das Schlagzeug-Konzert von Friedrich Cerha, das für ihn komponiert und 2007 uraufgeführt wurde.
Im Gespräch mit Klaus Kalchschmid erzählt der 27-jährige Österreicher, was ihn an diesem Konzert besonders reizt und wie es ihm gelang, Gregorianik und Percussion zusammenzuzwingen.
Martin Grubinger spielt das Schlagzeug-Konzert von Friedrich Cerha vom 17. bis 19. November in München mit den Münchner Philharmonikern unter James Gaffigan.

Kalchschmid: Herr Grubinger, was zeichnet dieses Schlagzeug-Konzert von Friedrich Cerha aus?

Grubinger: Es ist endlich einmal eines, bei dem man nicht nur 35 Minuten rumturnt. Im zweiten Satz steuert man mit dem Vibraphon im Wesentlichen eine einzige Facette bei. Dafür kommt es besonders auf die Mischung der Klangfarben und auf die Interaktion mit den anderen Musikern an. Ich habe es jetzt in Stuttgart mit Anu Tali zu dritten Mal gemacht, James Gaffigan ist der vierte Dirigent. Und die Dirigenten haben ganz unterschiedliche Vorstellungen, wie beispielsweise der Mittelteil mit Celesta, Glockenspiel, Röhrenglocken, Crotales, also all den Metallinstrumenten, klingen soll.

Kalchschmid: Greift der Komponist bei den Proben ein?

Grubinger: Wenn Friedrich Cerha vor Ort ist, merkt man seine Handschrift ganz genau. Hörner und Basstuba spielen im ersten Satz im Hintergrund einen einstimmigen "Choral", während vorne das Schlagzeug gut beschäftigt ist! Cerha will das von den Bläsern wirklich "gesungen" haben und daher muss auch unterschiedlich geatmet werden. Im zweiten Satz gibt es diesen langen Vibraphon-Part, dann geht's ins Ritardando und es wird immer langsamer, dünnt sich aus und plötzlich bekommt es etwas Schwebendes. Nur mehr Orchester-Glockenspiel, Celesta und Solo-Glockenspiel, dann Crotales, dann Gongs, dann Röhrenglocken. Da achtet Cerha genau darauf, dass das gut rüberkommt.

Kalchschmid: Gibt es besondere Herausforderungen in diesem Konzert?

Grubinger: Rein musikalisch ist dieses Schlagzeug-Konzert das wertvollste, das wir im Repertoire haben. Aber es enthält auch die schwerste Stelle, die ich kenne. Da platzt mir jedes Mal beinahe der Kopf. Sehen Sie hier (zeigt die Stelle in der Partitur): da wird der erste (von vier!) Schlagzeugern im Orchester zum "Gegensolisten" (singt seinen Part): für 160 Takte eine auswendig zu spielende Xylophon-Orgie! Es wechselt immer wieder zu den Holzblöcken, die alle unterschiedlich gestimmt sind. Und Cerha ist da gnadenlos. Neulich kam er und sagt, "Sie haben da einen falschen Holzblock gespielt!". Ich entgegnete nur ganz verblüfft: "Wie hören Sie das? Ich spiele da 10.000 Noten!" Bei der Uraufführung hat's uns da zerrissen. Das sind alles Stellen ohne Fallschschirm, zwölftönig! Wir sind abgeflogen wie die Cowboys auf den Pferden! Jetzt sag ich mal was Böses: Der schönste Moment im ganzen Konzert ist, wenn man am Ende des 3. Teils hier landet (zeigt es wieder in der Partitur), dann ist der Xylophon-Part zu ende, puh! Wissen Sie, Marimbaphone haben schöne große Platten, beim Xylophon ist alles klein, und im Konzert, wenn man gestresst ist, wird alles noch kleiner! Ich hab' den Schlagzeugern im Orchester gesagt: "Wenn ihr Probespiel habt's und wollt KEINEN nehmen, dann legt's das auf!"

Kalchschmid: Wie kam es zum neuesten CD-Projekt?

Grubinger: Letztes Jahr hat mich die Deutsche Grammophon gefragt, ob ich mich mal mit Gregorianischem Choral beschäftigen möchte. Na ja, dachte ich, nicht grade eine naheliegende Kombi! Wie kommt ihr denn genau auf mich? Dann hab ich reingehört und irgendwie keinen Zugang gefunden. Die katholische Kirche als Institution hat sich für mich als Katholik davor geschoben, mit allen tagesaktuellen Auseinandersetzungen. Aber mehr und mehr konnte ich das trennen. Immer stärker habe ich mich hineinversetzt in diese Musik, hab die alten Texte übersetzt - mit meinem Schullatein!

Kalchschmid: Wie sind Sie dann vorgegangen?

Grubinger: Ich hab das Projekt in Münsterschwarzach vorgestellt und nach einigem Zögern und Bedenken die Erlaubnis bekommen, entsprechendes Archivmaterial zu verwenden. Dann haben wir, mein Vater und Schlagzeug-Kollegen aus vielen Ländern, versucht, eine rhythmische Schablone darunter zu legen. Da aber Gregorianischer Choral keine festen Taktschwerpunkte kennt, kommen dann so Takte raus wie 15/16 oder 9/8 oder 12/8 oder 16/16 - und wieder zurück zu  4/4! Außerdem haben wir uns überlegt, dass wir eine multikulturelle Position einnehmen wollen. Da gibt es dann etwa einen Sufi-Sänger, der bei der Weihnachtsmesse zusammen mit dem türkischen Schlagwerk und einer Flöte den Mönchen unterlegt ist. Mir war klar, dass es viele Leute gibt, die das ablehnen werden. Denn man muss sich da wohl auf etwas Neues einlassen, muss sich Ruhe gönnen, muss es ganz bewußt und konzentriert hören. Meine Schwester rief mich entrüstet an, als sie die Platte zum ersten Mal gehört hatte und lehnte sie rundweg ab. Dann war sie bei mir, wir haben uns Zeit genommen und die CD über eine gute Anlage gehört! Da war sie auf einmal ganz anderer Meinung.

Kalchschmid: Können Sie die Einwände nachvollziehen?

Grubinger: Na ja, da heißt es zum Beispiel bei der Sequenz zu Ostern oder dem Kyrie: Der Afro-Wahnsinn erschlägt den Choral! Aber in Burkina Faso singen drinnen in der Kirche die Mönche und draußen spielen die Stammestrommler. Das überlagert sich auch. Und wenn man in Istanbul in die Hagia Sophia geht, sieht man, es waren alle da! Im Kleinen wollten wir so etwas bauen, eine musikalische Hagia Sophia!"

Kalchschmid: Welche Pläne haben Sie mit ihrer Plattenfirma?

Grubinger: Im nächsten Frühjahr wird es eine DVD geben. Und das Cerha-Konzert möchte ich in 3D aufnehmen. Damit die Zuschauer und ?hörer vor meinen Schlagzeug-Schlegeln in Deckung gehen müssen und das ganz hautnah erleben können!

Kalchschmid: Gibt es eigentlich Momente, wo sie ganz entspannt sind und kein Schlagzeug spielen?

Grubinger: Aber ja, auf dem Berg, beim Skifahren, auf dem Rennrad - der Fahrtwind unterwegs in der Toskana, die Luft auf dem Gipfel, herrlich! Und ich habe jetzt einen Sohn, der ist gerade mal drei Wochen alt...

Philharmonie am Münchner Gasteig, 17. und 18. November (jeweils 20 Uhr), 19. November (19 Uhr, Jugendkonzert). Neben dem Cerha-Konzert spielen die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von James Gaffigan Joseph Haydns Symphonie f-moll Nr. 49 und die "Symphonischen Tänze" von Sergej Rachmaninow  www.mphil.de 

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