Bella Martha

Am 5. Juni wird die große Pianistin Martha Argerich 70 Jahre alt - aus diesem Anlass erschienen einige CD-Boxen und eine detail- und anekdotenreiche Biografie

"Sie sind die beste!" - Mit diesem Kompliment verblüffte Vladimir Horowitz Martha Argerich, als diese Horowitz nach einem seiner seltenen Auftritten 1976 in Los Angeles hinter der Bühne begrüßte. Kaum einen anderen Pianisten hat Martha Argerich so verehrt wie Horowitz. Und tatsächlich sind sich beide Musiker in ihrem Zugang zur Musik durchaus ähnlich, in ihrem Hang zu uneingeschränkter Subjektivität und Emotionalität.
Freunde erzählen, Horowitz habe sich manchmal den Spaß erlaubt, eine Platte von Argerich mit Liszts sechster Ungarischer Rhapsodie aufzulegen und zu behaupten, sie sei von ihm, um zu testen, ob jemand etwas merkt.
Zu dem von Martha Argerich zu Beginn der 60er Jahr erhofften Unterricht beim großen Horowitz - für den sie eigens nach New York gezogen war - ist es dennoch nie gekommen. Warum weiß keiner so genau. War es die eifersüchtige Ehefrau oder hatte der launenhafte Horowitz einfach keine Lust?

Doch was hätte Horowitz Argerich noch lehren können - dem herausragenden Talent, über das schon Jahre zuvor ihr Lehrer in Wien, Friedrich Gulda, sagte, er wisse nicht, was er ihr noch beibringen soll. Technisch-musikalisch war die Argentinierin schon mit knapp 20 Jahren eine ausgereifte Musikerin. Sie hatte ein paar Preise gewonnen, umjubelte Konzerte gegeben und soeben ihre erste Platte herausgebracht mit Werken von Chopin, Liszt, Prokofjew, Ravel und Brahms.

Was ihr für die Weltkarriere noch im Weg stand, war eigentlich nur sie selbst.
Immer wieder wurde Martha Argerich von Skrupel und Zweifel geplagt, zog sich - auch darin Horowitz ähnlich - desöfteren vom Konzertbetrieb zurück. "Ich spiele gern Klavier, aber ich bin nicht gerne Pianistin", bekannte sie einmal.
Der Gewinn des Warschauer Chopin-Wettbewerbs 1965 gab ihr dann aber doch den nötigen Schub und machte sie schlagartig weltberühmt. "Kaum erschien sie auf der Bühne, war das Publikum verzaubert. Und sobald ihre Hände über das Klavier tanzten, verfiel der Saal in eine Art Trancezustand", schreibt Olivier Bellamy in seiner soeben erschienen Biographie über Argerichs Auftritt beim Warschauer Wettbewerb.

Kraftvoll, intensiv, sinnlich, orchestral, feurig, rauschhaft - so wurde Argerichs Klavierspiel immer wieder charakterisiert. Der Journalist und Klavierkenner Jürgen Otten bezeichnete es gar als Naturereignis.
Chopin, Liszt, Tschaikowsky, Prokofjew, Schumann - das sind Martha Argerichs Hausgötter, ihnen gehört ihre uneingeschränkte Liebe. Der Einsamkeit der solistischen Auftritte entsagte die Pianistin Ende der 70er Jahre mehr und mehr und trat - wenn überhaupt - vor allem mit von ihr hoch geschätzten Kollegen wie Mischa Maisky oder Gidon Kremer als Kammermusikpartnerin auf. Auch hier entstanden wegweisende Platteneinspielungen.
Doch auch wenn sich Martha Argerich schon lange rar macht auf den internationalen Konzertpodien - ganz zurückgezogen hat sie sich auch mit 70 noch nicht. Vor allem aber widmet sie sich heute dem Klavier-Nachwuchs, nicht zuletzt mit dem von ihr gegründeten Martha-Argerich-Klavierwettbewerb.
Auf den jetzt erschienenen Jubiläumseditionen "The Art of Martha Argerich" und "Martha Argerich Solos and Duos" lässt sich die Kunst dieser Ausnahmemusikerin noch einmal in den wesentlichen stilistischen Bereichen ihres zugegebenermaßen nicht allzu breiten stilistischen Spektrums noch einmal gebündelt erleben. Spannend ist zudem auch die (Wieder-)Begegnung mit ihrer ersten Platte "Martha Argerich - Debut Recital'"

Robert Jungwirth

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