Abenteuer für Abenteuer

Mariss Jansons, Wiener Philharmoniker © Silvia Lelli

Mariss Jansons begeistert mit den Wiener Philharmonikern das Salzburger Festspielpublikum - Nina Stemme singt Wagners Wesendonck-Lieder

(Salzburg, 4. August, 2012) Mariss Jansons, das dürfte allgemein bekannt sein, kann sich aussuchen, wen er dirigiert: Neben den beiden Orchestern, bei denen er Chefdirigent ist, dem Symphonieorchester des BR und dem Concertgebouworkest, sind seine bevorzugten die Berliner und die Wiener Philharmoniker. Mit dem österreichischen Orchester trat er jetzt bei den Salzburger Festspielen auf; ein Gastspiel mit dem Concertgebouworkest folgt am Ende des Monats.

Jansons, auch das ist eine stets aufs Neue bestätigte Erfahrung, hat ein unwahrscheinlich feines Qualitätssensorium. Man wird schwerlich jemanden finden, der je ein schlechtes Konzert mit ihm gehört hat. Das war schon so, als er noch Chefdirigent in Oslo war und er mit seinem No-Name-Orchester die musikalischen Metropolen der Welt im Sturm eroberte. Jansons ist ein Perfektionist, der alles bis in kleinste Detail vorbereitet, nichts dem Zufall überlässt - das dürfte er von seinem wichtigsten Lehrer, Jewgeny Mrawinsky, gelernt haben - und doch genügend Spielraum für die Musiker offen hält, dass diese ihre Individualität entfalten zu können. Ja, man könnte auch sagen, er nimmt die starken Seiten der Orchester so wie sie sind, und feilt ihren Klang nach seinen Bedüfnissen zurecht. Das kommt nicht zuletzt auch in kleinen Liebesbezeugungen zum Ausdruck: Selbst bei Brahms oder Strauss lässt er, so wie bei seinem Salzburger Konzert, die Hände unten und hört einfach den Musikern zu, wie sie so spielen. Nie hält er sie - wie das bei anderen Dirigenten oft der Fall ist - mit einer schroffen Geste zum Leiser-Spielen an. Alles scheint Harmonie zu sein, und ist es wohl auch. Jansons ist ein Über­zeuger, kein Diktator. Wie genau er den Überblick auch über die Balance der Orchesterstimmen hat, war in dem Salzburger Konzert vor allem bei Brahms´ 1. Symphonie zu hören. Nie verschwand ein einzelnes Instrument oder eine Instrumentengruppe im allgemei­nen Dickicht der Stimmen, nie drängte sich irgendein Instrument vor, nie hob er eine unwichtige Nebenstimme übergebührlich hervor, um dem Publikum zu zeigen: Seht, Leute, was ich für Euch entdeckt habe!

Was Jansons vorführt, ist immer musikzweckdienlich. Im Fall der Brahms-Symphonie waren das schlanke Linienführung in den Stimmen, Transparenz im Klang und eine kluge Disposition schon in der Einleitung zum Kopfsatz, die nicht in einem wüsten Brei unterging sondern ganz auf das unerbittliche Pochen der Pauke konzentriert war. Genau so differenziert waren Tempoabstimmung und dynamische Abstufung im Schlußsatz. Der einleitende Strauss´sche "Don Juan" verzichtete auf das so oft zu hörende glattpolierte Durchpeitschen eines Hurra-Stücks, kostete Abenteuer für Abenteuer aus, spielte mit Farben, dynamischen Kontrasten und dem philharmonisch-samtenen Streicherklang. Danach kam vor der Pause bei den Wagnerschen Wesendonck-Liedern (in der Felix-Mottl-Instrumentation) noch Nina Stemme zu Wort und Ton, nicht sehr textdeutlich und ein wenig zu brünnhilden­haft-schwer im Ton. Das kann man sich duchaus eleganter denken, so wunderbar intim etwa wie die Orchesterbegleitung.

Derek Weber


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