Barocke Roben und Revolution auf der Opernbühne

Takesha Kizart als Marie Victoire Foto: Barbara Aumüller

Die Deutsche Oper Berlin bringt mit großem Erfolg die weitgehend vergessene Oper "Marie Victoire" von Ottorino Respighi heraus. Die musikalische Leitung hat Michail Jurowski, Regie führte nach der Absage Katharina Wagners Johannes Schaaf

(Berlin, 9. April 2009) Ottorino Respighis Oper "Marie Victoire" lag fast 90 Jahre lang unaufgeführt im Notenarchiv und staubte so vor sich hin. Erst 2004 erlebte die Liebesverwirrgeschichte inmitten der Französischen Revolution in Rom ihre Uraufführung. Da war der Komponist schon fast 70 Jahre tot. Warum dieses Werk, das in den Jahren 1912/13 entstand, nicht schon wie geplant Anfang 1915 am Teatro Costanzi in Rom uraufgeführt wurde, darüber lässt sich nur spekulieren. Es war vermutlich die politische Weltlage, die dazu geführt hatte: Italiens neutrale Lage im ersten Jahr des Ersten Weltkriegs hatte heftige Auseinandersetzungen zwischen Kriegstreibern und Pazifisten zur Folge. In dieser aufgewühlten Stimmung fürchtete man wohl, die Darstellung der Französischen Revolution mit ihren Massentumulten könnte das Publikum zu Saalschlachten animieren oder zu einem politischen Skandal führen. In Berlin kam es jetzt zur deutschen Erstaufführung dieser vierten von insgesamt zehn Opern Respighis.

Es ist schon erstaunlich: Kaum ein Opernlexikon verzeichnet "Marie Victoire". Dabei besitzt dieses Musikdrama alles, was eine große Oper ausmacht: ein packendes, hochdramatisches Libretto um Liebe und Leid vor dem Hintergrund politischer Umstürze und eine ergreifende, schillernde Musik, in der sich Farben, die an Strauss und Puccini erinnern, mit impressionistischem Duft verbinden, und die doch keineswegs eklektisch, sondern durchaus eigen sind. Eine Tonsprache bildet sich hier heraus, die mit ihrer leicht modal gefärbten Harmonik schon auf jene symphonische Dichtung voraus weist, die vielleicht Respighis bekanntestes Werk wurde: die "Pinien von Rom". Zwischen üppiger Klangpracht und fein austarierten lyrischen Stellen präsentiert sich das Orchester der Deutschen Oper unter Michail Jurowski so gut wie lange nicht mehr.

Große Ansprüche stellt die gewaltige Partitur auch an die Sänger. Allein die Titelpartie bewegt sich bisweilen in den dramatischen Regionen von "Tosca" oder "Salome". Bis in kleinste Nebenrollen hat die Deutsche Oper diesen Brocken mit aufwendigem Figurenarsenal respektabel besetzt. Mit unverbrauchten Kräften, von denen sich die meisten mit profunden, großen, schlank geführten Stimmen empfehlen. Allen voran die phänomenale Amerikanerin Takesha Kizart. Sie ist die anmutige, gütige Landadelige Marie, die an einem schicksalsreichen Abend anno 1794 als Gefangene französischer Revolutionäre ihr Todesurteil empfängt.
Es ist die Nacht vor ihrer Hinrichtung, in der sie sich aus purer Verzweiflung von einem Freund ihres verschollenen Mannes verführen lässt, in dessen Armen sie Trost sucht. Der überraschende Sturz Robespierres rettet ihren Kopf. Doch nach der Befreiung ist nichts mehr wie es einmal war. Sechs Jahre später tauchen die beiden schicksalhaft mit Marie verbundenen Männer wieder auf. Ein Beziehungsdrama nimmt seinen Lauf.

Johannes Schaaf gelingen Szenen von großer Eindringlichkeit, die tief unter die Haut gehen, weil er dem Libretto traut und das Stück nicht auf Biegen und Brechen in die Gegenwart katapultiert. Mit prächtigen barocken Kostümen und Perücken ist diese Produktion nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert und mitnichten verstaubt, denn stets geht Schaaf der Psychologie dieser Musik subtil auf den Grund.

Eine so rundum gelungene Premiere hat in Berlin Seltenheitswert. Von wegen, die Deutsche Oper ist das Sorgenkind unter den Berliner Opernhäusern. "Marie Victoire" ist die Sensation dieser Saison und nach zwei bemerkenswerten Strauss-Neuproduktionen der dritte große Erfolg in Folge für dieses Haus.

Kirsten Liese