Aber: Das Publikum kam ja, um Netrebko zu hören.Natürlich hat die Sopranistin ein wunderbares Timbre, eine Leichtigkeit der Höhe und gut grundierte Tiefe. Ihre Spitzentöne möchte man am liebsten in einer Schmuckschatulle verstauen, um sie jederzeit vor sich haben können. Welche brillante Ausgewogenheit! Anders als im Salzburger "Figaro", wo sie im Ensemble sang, ist sie hier Primadonna. Aber weder die Koordination mit dem Orchester, noch die künstlerische Gestaltung ihrer Rolle leiden darunter, was doch zeigt, wie ernsthaft sie an die Sache geht. Die Manon-Geschichte ist der Aufstieg einer hübschen Landpomeranze, die dem tristen Klosterleben ausweicht, in die Pariser High-Society. Mit ihrem ebenfalls kirchenflüchtigen Geliebten erblüht sie, um schließlich dem bühnenwirksamen Tod entgegen zu singen. Solche Aschenputteleien, den Aufstieg von der putzenden Studentin zum Weltstar, hat man schon in den Klatschspalten über Anna Netrebko gelesen. Nun geistern also auch die Opernfigur Manon und ihre Interpretin als Doppelwesen in jener Mischatmosphäre herum, in der bereits die herbei fantasierte Liebe des Operntraumpaars Netrebko und Villazón blüht. Paterson hat Prévosts Vorlage schlicht als französisiertes Netrebko-Märchen umgesetzt, kitschig und platt. Dass er in seiner Inszenierung dazu keinen sichtbaren Kontrapunkt setzt, ist schade.
Zum Beispiel reicht es nicht, eine Bettszene mit etwas nacktem Bein und Briefen, die in der Schamgegend zum Lesen bereitgelegt werden, erotisch aufzuladen. Damit ist die offensichtliche Triebhaftigkeit der beiden Protagonisten noch nicht wirklich nachvollziehbar gemacht. Erst recht nicht, wenn sich statt des schlanken Mexikaners Villazón die übergewichtige Ersatzbesetzung Fernando Portari auf dem Bett kugelt. Portari verfügt zwar über eine einnehmende, lyrische und einigermaßen kräftige Stimme. Den nötigen Zorn aber auf eine ungerechte Welt, auf Umstände, welche Sex und Liebesglück verunmöglichen, vermag er nicht zu entflammen. Und schon gar nicht ist er seiner Partnerin der adäquate Bühnenlover.
Einen schönen "Neben"-Eindruck in dieser aus der Balance geratenen Netrebko-Show hinterließ Christof Fischesser als Vater Des Grieux': ein sportlich jung gebliebener Bass. Mit einer bedauernswert kleinen Partie.
Benjamin Herzog