Postkartenbiographie

Das Buch "Mahlers Welt, die Orte seines Lebens" ist eine Art Reiseführer zu Orten, die mit Gustav Mahler verbunden sind.

Auf das Mahlerjahr 2010, in dem man sich des 150. Geburtstags Gustav Mahlers besann, folgt 2011 der 100. Todestag des großen Komponisten. Wie praktisch für Verlage, Plattenlabels und Konzertveranstalter. Sie alle haben zwei Jahre Zeit, ihre Angebote unter die interessierte Mahlergemeinde zu bringen. Soeben erschien ein Buch mit dem gar nicht bescheidenen Titel "Mahlers Welt". Verfasst wurde das gut 400 Seiten starke Werk von Helmut Brenner und Reinhold Kubik, einem Mahler-erfahrenen Duo. Die Beiden waren an der Ausstellung "Gustav Mahler in Wien", die im vergangene Jahr in Wien zu sehen war, als Kuratoren und Katalogautoren beteiligt.

Die Reise durch Mahlers Leben beginnt in Kalischte, am 7. Juli 1860. Eine kleine Fotografie zeigt das Geburtshaus des Komponisten in dem kleinen böhmischen Dorf, das mehr an eine Scheune erinnert. "In einem so armseligen Häusel bin ich geboren, nicht einmal Scheiben waren in den Fenstern", erzählt Mahler. Das Buch endet mit der Abbildung eines monumentalen Grabmals auf dem Grinzinger Friedhof, wo Mahler neben seiner Tochter bestattet wurde. Dazwischen illustrieren knapp 600 Bilder chronologisch das Leben Gustav Mahlers und lassen im Betrachter eine Art Mahlerfilm entstehen. Man betrachtet Häuser, in denen Mahler lebte und solche, die ihn interessierten. In Amsterdam spazierte er im Jahr 1904 zielstrebig zu einem Haus aus dem 17. Jahrhundert: "Wir gingen zur Jodenbreestraat, wo Mahler lange vor dem Wohnhaus Rembrandts stand. Er schaute sich das Haus an und sagte schließlich: Durch diese Fenster hat er geblickt..."

Ähnlich wie Mahler beim Anblick von Rembrandts Haus ergeht es auch dem Leser, wenn er die alten Fotografien der Wirtshäuser, Hotels, Theatergebäude, Wohnblocks, Konzertsäle, Berghütten und Villen betrachtet: durch diese Tür ist Mahler gegangen, durch dieses Fenster hat er geblickt...
Mit präzisen Detailkenntnissen über Aufenthaltsorte und Lebensdaten hat das Autorenduo Helmut Brenner und Reinhold Kubik eine Art Postkartenbiographie geschrieben. Diese ungewöhnliche Machart bewirkt zweierlei: Der Leser erhält einen topographischen Überblick über die weltweiten Aktivitäten des fahrenden Gesellen Gustav Mahler. Und er bekommt durch die unglaublich vielen verschiedenen Aufenthaltsorte die Turbulenz, die Hektik zu spüren, die Mahlers kurzes Leben bestimmt haben.

Gleich einem Notizzettel ergänzen die Autoren jede ihrer Ortsangaben um ein paar griffige Zitat, entweder von Mahler selbst oder von Zeitzeugen, Freunden, Gefährten usw. Das lässt jedes noch so winzige Kaffeehaus, Beisel oder auch das erste Wiener Vegetarierrestaurant gewissermaßen lebendig werden. Im "Ramharterschen Speisenhaus" in der Wallnergasse war der Treffpunkt des Wiener Akademischen Wagnerverbandes: "Immer wieder erschienen einige junge Männer. Einer war eher klein von Gestalt, schon in der sonderbar wippenden Art seines Ganges machte sich eine ungewöhnliche Reizbarkeit bemerkbar. Er trug immer einen Packen Noten unterm Arm, und die Unterhaltung mit ihm ging zumeist stoßweise vor sich. Sein Name war Gustav Mahler."

Der Sepia-Ton, in dem Abbildungen und Textpassagen optisch gestaltet sind, unterstreicht den historischen Aspekt. Schade nur, dass sich das Auge des Betrachters bei den kleinen Abbildungen recht abmühen muss. Vielleicht wäre ein insgesamt größeres Format dem Buch angemessener gewesen. Mahlers Welt ist ein Buch, mit dem man seine eigenen Reiseziele immer wieder um Mahlerorte erweitern kann, so dass Mahler fast schon allgegenwärtig ist. Wenn die nächste Reise z.B. nach Prag geht. Mit wem hat Mahler im "Cafe Central" diskutiert? Oder in welcher Pension lebte er auf Sylt? Wo ließ er sein Komponierhäuserl bauen?  in welchem Cafe von Wien hat er immer gefrühstückt?

Das Autorenduo geleitet einen, wie der Titel verspricht in "Mahlers Welt". Und nicht nur das, es bringt einem auch die Person Mahler selbst erstaunlich nahe. Beispielsweise wenn man auf einer Fotografie in einen riesigen Saal in Prag blickt, in dem Mahler kurz vor der Uraufführung seiner Siebenten Sinfonie gelitten hat: "Ich muss darüber nachdenken, wie man aus einem Wurstkessel eine Pauke, aus einer rostigen Gieskanne eine Trompete und aus einer Heurigenschenke ein Concertlokal machen kann!"
Das Einzige, was man sich bei der Lektüre wünscht: Viel Zeit, um einige der noch heute existierenden Concertlokale, Heurigenschenken und Cafés aufzusuchen.

Sylvia Schreiber