Mahler auf dem Akkordeon

Das Wiener Ensemble Amarcord und die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman haben eine ungewöhnliche und faszinierende CD mit Mahler-Liedern herausgebarcht

Läßt sich maximaler Ausdruck nur mit maximalem Einsatz der Mittel verwirklichen? Gustav Mahler schien dieser Überzeugung gewesen zu sein. Hätte er sonst die Besetzungsstärke des Orchesters für seine Musik derart ins Extreme getrieben? Auf der anderen Seite liegen manche Lieder Mahlers sowohl in einer Orchester- als auch in einer Klavierfassung vor.

Das Wiener Ensemble Amarcord hat nun mit einer CD versucht, den Beweis anzutreten, dass man ein Mahler-Orchester auf vier Instrumente reduzieren und dabei trotzdem genuin mahlersche Klänge produzieren kann. Die Besetzung ist einigermaßen kurios, neben Geige, Cello und Kontrabass ist auch ein Akkordeon mit von der Partie. Mahler selbst hat dieses Instrument als Kind gelernt und auch gespielt. Und klingt die Atmosphäre des Volksmusikalischen in seiner Musik nicht gerade mit den Klängen des Akkordeons noch deutlicher hervor? Mahler meets Wiener- Lied - könnte man die CD auch betiteln, wobei Elisabeth Kulman natürlich keineswegs auf ihren wunderbar rund und warm klingenden Mezzos zugunsten eines etwaigen "Wirtshausstils" verzichtet. Wenngleich der "Wirtshauscharakter" in "Wer hat dies Liedlein erdacht" aus des Knaben Wunderhorn sogar inhaltlich legitimiert ist?

Dem Ensemble ist es aber nicht an einer tatsächlichen Vermischung der Ebenen gelegen. Der Notentext bleibt weitgehend unangetastet und auch die Art des üblichen Kunstgesangs. Nur durch die Reduktion und Aufteilung auf die vier Instrumente bekommen die Lieder (von Rückert und aus "Des Knaben Wunderhorn") eine neue klangliche Anmutung. Und die lässt vieles vom Charakter dieser Musik mitunter noch deutlicher hörbar werden. Die Zärtlichkeit des Lieds "Ich atmet einen linden Duft" kommt in dieser reduzierten Version noch stärker zum Tragen, in "Die zwie blauen Augen von meinem Schatz" treten die Moll-Schattierungen vielleicht sogar noch wirkungsvoller hervor. Bei einem Konzert in der Münchner Allerheiligen Hofkirche war das nicht minder eindrucksvoll zu erleben.

Natürlich kennen und lieben die Mitglieder der Wiener Volksoper "ihren" Mahler in- und auswendig, weshalb ihnen seine Idiomatik selbst in dieser skelettierten Version ohne Probleme aus den Instrumenten fließt. Etwa in "Liebst Du um Schönheit" mit seiner sehnsuchtsvollen Schwere oder im volksliedhaften "Ging heut morgen übers Feld", das Mahler bekanntermaßen in seiner ersten Symphonie verwendet hat. Auf ideale Weise fügt sich die wunderbar natürliche Stimme von Elisabeth Kulman in die feinen instrumentalen Linien ein. Ihr Piano-Gesang ist faszinierend tragfähig, die Deklamation beispielhaft, die Fortestellen kontrolliert und voller Expressivität, das Timbre weich und volltönend.

Eine CD, die ebenso gelungen wie ideal besetzt ist - ein Muß für alle Mahler-Fans!
Robert Jungwirth

In Deutschland ist die CD noch nicht auf dem Markt, kann aber direkt bei Material Records bestellt werden: www.materialrecords.com/content_de/shop_start.asp

 

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