Wenig überzeugende Neuproduktion der Weill-Oper an der Wiener Staatsoper
(Wien, 27. Januar 2012) Stünde eine solche Äußerung nicht unter Terrorverdacht, man könnte wohl behaupten, dass Kurt Weills "Mahagonny"-Oper brandaktuell sei. Am Ende der goldenen Zwanzigerjahre haben er und Bertolt Brecht ein mit schönen Songs und Arien aufgeladenes Märchen über die Auswüchse der Gesellschaft des Schnell-Reich-Werdens geschrieben. Das war kurz vor dem vorletzten großen Börsenkrach; die Uraufführung fiel schon ins Minuswachstum. Rasch wurd´ es den Menschen braun ums Herz. Und was sich in "Mahagonny" noch als dummes Volk auf der Bühne tummelt, wurde zur plebejischen Aufsteigerpartie von SA, SS, Gestapo und Wehrmacht.
Wer kennt nicht den Alabama-Song und das Lied vom Weg zur nächsten Whisky-Bar und zumindest in Grundzügen die Moral von dieser Opern-G'schicht': Wer arm ist, ist selber schuld, und wer nicht zahlen kann, wird gehängt. Auch wir, sagt man uns, haben wieder einmal über "unsere" Verhältnisse gelebt. Das ist noch immer die große Erzählung nicht nur in dem Amerika, in dem die "Mahagonny"-Oper vorgeblich spielt. Auch der Traum vom Reich-Werden ohne Arbeit, der den amerikanischen Börsenboom bis 1929 beflügelte, war bis 2008 wieder sehr lebendig.
Immobilien-Luftgeschäfte, Kasinos, Internetwetten: Die Philosophie des Trios Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses, das die Stadt Mahagonny gründet - Was ist das mühsame Graben nach Alaska-Gold gegen das Abluchsen der Nuggets in Spiel- und Sexhäusern? - das ist für viele heute noch das Lotto-Motto. Dazu reicht es, sich im Zentrum einer x-beliebigen Kleinstadt umzuschauen: Spiel- und Trinkhöllen beherrschen den Alltag. Und wer dort reinfällt, dem geht es wie Jim Mahoney, auch wenn heute mit dem Privatkonkurs adrettere Alternativen zum Galgen bereitstehen.
Eine ziemlich aktuelle und unappetitliche Geschichte also, diese "Mahagonny"-Oper, möchte man meinen - bis man in der Wiener Staatsoper eines Besseren belehrt wird. Der französische Regisseur Jérôme Deschamps hat sich von Olivia Fercioni eine niedliche Bühne (samt putzigem Wirbelsturm) mit schönen Kostümen (Vanessa Sannino) basteln lassen. Gespielt wird ohne Biss, statisch und belanglos an der Rampe eines Nirgendwo aus der Stadttheater-Zeit mit Zuckerguss-Huren. Das endet, wie nach fünf Minuten befürchtet, im Theater-Nirwana. Nichts könnte das besser dokumentieren, als dass es während der ganzen Aufführung nur ein einziges Mal Applaus gab: lau, kurz, und in Maßen höflich.
Natürlich ist das Grundübel, dass die Staatsoper für das Stück zu groß ist, auch wenn Regie und Bühnenbild sie künstlich akustisch verkleinern und die Sänger sich herzlich bemühen, laut genug zu singen. Aber der Alabama-Song ist nun einmal keine Troubadour-Stretta, die man zur Not auch brüllen kann. Ärgerlich ist das, langweilig und ein unnötiger Ettikenschwindel: Früher gab es an der Staatsoper Opern der Kategorie "Nach einer Inszenierung von...". Heute müsste es heißen: "Nach einem Stück von...".
Wenn man wenigstens den Text verstehen könnte! Doch auf der Bühne wird um die Wette geundeutelt; also muss man die halbe Zeit auf die Übertitel schauen. Das hebt die Stimmung keineswegs, auch wenn man aus Erfahrung weiß, dass ohne solche Krücken heute im Opernfach kein Auskommen mehr ist. Nur die Wortbotschaften des hinzuerfundenen "Regisseurs der Bühne", Heinz Zednik, können gut verstanden werden.
Dasser musikalische Animo unter dem allgemeinen Sprechdilemma leidet, kann nicht wundern. Selbst ein so erfahrener und motivierter Dirigent wie Ingo Metzmacher steht da irgendwie auf verlorenem Posten. Sein Versuch, das Ganze zumindest musikalisch zu retten und der Bühne trotz aller Lyrismen Feuer einzuhauchen, geht in der Feuerwehr-Lautstärke des Staatsopernorchesters unter. Mit bluesigem Anstand, wie man hinzufügen musssamtigem Shimmy-Beat und animierendem Rhythmen, die nicht den üblichen Schleudertempi fröhnen.
Dass die Musik insgesamt nicht einlöst, was sie in den Anfangstakten verspricht, liegt gewiss nicht an Metzmacher: Wenn es nicht sieht, was die Musik erzählt bzw. erzählen möchte, sitzt auch er als Publikum auf verlorenen Ohren. Schade, doppelt schade ist das bei der ersten Aufführung von "Mahagonny" an diesem renommierten Haus.
Also kann es nicht wundern, dass auch die Sänger nur in Maßen begeistern: Elisabeth Kulmann singt beherzt, dunkelt aber als Leokadja Begbick ihre Stimme zu früh ab. Angelika Kirchschlagers starke Seite liegt in dem Versuch, als Jenny Hill Weills Musik weniger alt-opernhaft klingen zu lassen, Christopher Ventris und Tomasz Konieczny sind ein Jim Mahoney bzw. Dreieinigkeitsmoses mit durchschlagskräftigen Stimmen, aber wenig Charakter.
Es ist schon klar, dass das epische Musiktheater es heute - nach so vielen Jahren der Abstinenz - den Sängern wie den Regisseuren nicht leicht macht, sich zurechtzufinden. Aber so ganz in die deprimierende Statik einer belanglosen Kostümshow darf die Ratlosigkeit bei der Umsetzung dann doch nicht führen. Dazu ist das Thema "Mahagonny" zu zeitlos, bzw. zu aktuell. Eine "spielerische Lektion" übers Heute wollte der Regisseur dem Publikum erteilen. Das ist gründlich danebengegangen.
Derek Weber