Die bedrohte Stadt

Befreiungsschlag mit der Kettensäge. Jim Mahoney alias Wolfgang Schwaninger greift durch. Foto: Oper Tel Aviv

Die Oper Tel Aviv brachte Kurt Weills/Bertolt Brechts "Mahagonny" in einer Neuinszenierung heraus - als amerikanisches Musical

(Tel Aviv, Ende Januar 2012) Gewiss ist die Saison des Opernhauses von Tel Aviv nicht so bedeutend, dass es dafür die Anreise aus Deutschland lohnen würde. Doch wer in Israel ohnehin Ferien macht, immerhin eines der faszinierendsten Länder des Nahen Ostens, sollte bei einem Besuch in der flippigen Stadt Tel Aviv auch einen Besuch der "Israeli Opera" in Betracht ziehen. Das einzige Musiktheater Israels bietet 9 Inszenierungen pro Saison. Nicht alle werden vor Ort produziert, sondern auch teilweise von auswärts eingekauft. Geboten wird aber nicht nur klassischer Standard wie "Lucia di Lammermoor" und "Tosca", sondern z.B. auch zeitgenössische Oper, wie Hanoch Levins "The Child Dream". Oder Weills und Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny".

Ein Werk in deutscher Sprache und wie alles, was in deutscher Sprache gesungen wird, ist so eine Produktion in Israel immer noch ein Risiko, selbst wenn der Komponist jüdisch ist. Immer noch gibt es Bürger, die mit dieser Sprache nichts zu tun haben wollen. Aber Hannah Muniz, seit über 25 Jahren Intendantin des Opernhauses, und David Stern, Chefdirigent der Oper, wollen mehr als nur gewöhnliches Repertoire bieten. Wagner können sie zwar noch nicht auf die Bühne bringen, "solange bei uns noch Menschen leben, die Erinnerungen an die Schrecken des Dritten Reiches haben", erklärt Intendantin Muniz, "geht das nicht, auch wenn ich anderer Meinung bin". Aber immerhin dann und wann eine Oper von Richard Strauss oder eben von Weill.  

"Dieses Werk von Weill", so Dirigent Stern, "ist für mich in gewisser Weise ein Symbol unseres Staates Israel, der, eingeklemmt zwischen Staaten, die ihn am liebsten vernichten wollen und mit immensen internen Problemen, wie auf einem Vulkan lebt, der bald schon explodieren kann". Für Stern ist die Zeit, in der Weill und Brecht "Mahagonny" schrieben und komponierten, also die vom Untergang bedrohte Weimarer Republik, "durchaus vergleichbar mit unserer israelischen Realität, denn niemand weiss, was in der nächsten Zukunft sein wird". 
Stern bietet eine musikalische Interpretation von Weills Meisterwerk, die durchaus umstritten ist. Sein Ziel war es, das Typische der Weillschen Musik ein wenig zu glätten. In dem Sinn, dass es eher wie ein US-amerikanischen Musical klingt. Das gefiel oder es gefiel nicht. Die Weill'sche Songstil wurde zugunsten eines "amerikanischen Sounds" verändert. Das hatte seinen Reiz, ist aber natürlich nicht unproblematisch.  
Der von Stern bevorzugte Klang amerikanischer Music-Halls wurde dadurch verstärkt, dass der gesprochene und gesungene Text ganz leicht über Lautsprecher im Theater verstärkt wurde. Auch daran musste man sich gewöhnen, aber vor allem das junge Publikum war begeistert von dieser Idee.  
Omri Nitzan, einer der angesehensten Theaterregisseure Israels, bot eine spritzige und witzige Regie, jede Szene durchdacht und mit Überraschungen. Die Besetzung hätte nicht besser sein können. Der Deutsche Wolfgang Schwaninger, ein erfahrener Weill-Interpret, sang einen fantastischen Jim Mahoney. Die meisten Sänger waren Israelis und ihre Betonung der deutschen Sprache liess nichts zu Wünschen übrig.

Thomas Migge


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