Macbeth aus der Vogelperspektive

Verdis "Macbeth" aus Paris in der Regie von Dmitri Tscherniakov und mit Teodor Currentzis am Pult

(August 2011) Dmitri Tcherniakovs jetzt und heute spielende Inszenierung von Verdis "Macbeth" ist im Film ein veritabler Psychothriller: immer wieder mit Zoom in das repräsentative Kaminzimmer mit offenem, echtem Feuer eines heruntergekommenen Schlosses, wo am Ende der Königsmörder wie seine Lady dem Wahnsinn verfallen.

Kein schottisches Hochland bekommen wir zu sehen, sondern via Computer wird in bühnenfüllender Projektion bei jedem Szenenwechsel von einer Luftaufnahme auf die Erde gezoomt, mal auf einen anonymen Platz mit großen Spielzeughäusern einer Kleinstadt, über der dunkle Wolken dräuen und stets Sonnenuntergangslicht leuchtet; mal - gesehen durch den Rahmen eines breiten Panorma-Fensters - in besagtes Kaminzimmer; und immer wieder geht der Blick zurück in die Vogelperspektive.

Hexen, Volk und Festgesellschaft sind dieselben in wärmende Winterkleidung gewandete Menschen, oft aber individuell und sehr emotional reagierend. Trotzdem weiß man nicht, ob sie nicht alle von Anfang an Wahnvorstellungen von Macbeth sind. Violeta Urmana ist als seine Lady ein scheinbar fürsorgliches Mütterchen mit klobiger Brille und fettigen, in die Stirn hängenden Haaren in langer Strickjacke. Sie massiert schon mal die Schläfen des seine Mordopfer halluzinierenden Gatten, um ihn gleich danach ein Schlappschwanz zu nennen. Schon ihre erste Arie singt sie als aufregend stummes Duett mit Macbeth. Später erzählt Tcherniakov, der auch sein eigener Bühnen- und Kostümbildner ist, wie die beiden eine immer engere Hassliebe verbindet, bei der Mann und Frau sich gegenseitig widerwillig trösten, anstacheln oder besänftigen. Diese Szenen der eine geradezu Schizophrene darstellenden Urmana, die von einer Sekunde von Sanftheit in Machtgier verfällt, mit dem famos einen Gequälten spielenden Dimitris Tiliakos werden zum Energie-Zentrum des Abends. Ferruccio Furlanetto ist als Banco ein immer noch stimmlich enorm prägnanter Bariton mit großer Bühnenpräsenz, aber auch Nebenrollen wie die Kammerfrau der Lady (Letitia Singleton) oder der Arzt (Yuri Kissin) werden bei Tcherniakov zu lebendigen Figuren mit einer eigenen Geschichte.

Bildregisseur Andy Sommer filmte dies im April 2009 aufregend und ebenso musikalisch wie Tcherniakov inszenierte im Wechsel von prägnanten Totalen, Halbtotalen, Nahaufnahmen und wackeligen, momentweise unscharfen Hand-Kamera-Bildern und -fahrten, als wäre das Ganze eine realistische Doku.   

Teodor Currentzis findet am Pult des Orchesters der Bastille-Oper in Paris immer wieder zu schneidender Schärfe, aber auch zu tänzerischem Charme - etwa wenn die Lady auf dem Fest zu zaubern beginnt - und zu großem Pathos, vor allem in den Aktschlüssen, die er monumental aufbaut und im Schlussakkord manchmal ins Unendliche dehnt.

Klaus Kalchschmid

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