Die Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann mit Schreker, Mozart und Schönberg
(München, 17. April 2009) Eine imaginäre Bühne betraten Christian Thielemann und seine Philharmoniker auch bei ihrem jüngsten Konzert im Gasteig, doch diesmal nicht - wie beim "Rosenkavalier" vor kurzem - in einer konzertanten Aufführung, sondern mit "Vorspiel zu einem Drama" von Franz Schreker, Schönbergs Tondichtung "Pelléas und Mélisande", komponiert 1902, im Jahr der Uraufführung von Debussys gleichnamiger Oper, und Konzertarien von Mozart.
Diese "Konzertarien" sind eigentlich "Szenen" - und so bezeichnete sie der Komponist auch -, die eine Essenz von Musiktheater darstellen, wie sie kaum je in einer seiner Opern auftauchen. Denn nahtlos gehen "Recitativi accompagnati", also orchesterbegleitete Rezitative, und Arien ineinander über. Anja Harteros war im KV 272 des 21-jährigen ("Ah, lo prevedi!" - "Ah, t'invola" - "Deh, non varcar") nach einem Text von Vittorio Amedeo Cigna-Santis aus seiner "Andromeda" und dem KV 369 ("Misera, dove son!" - "Ah! Non son io che parlo"), komponiert in München zur Zeit der Uraufführung von "Idomeneo" auf einen Text Metastasios ("Ezio") die überragende Solistin.
Wer immer über die sängerfeindliche Akustik der Philharmonie schimpft, höre sich Anja Harteros an. Nicht nur in der vokalen Attacke, im flammenden Forte-Zorn trägt die Stimme, auch im fein abgetönten Piano, in der zarten Entfaltung einer Melodie! Und wieviele Farben hat diese Stimme! Für jede von Moment zu Moment wechselnde Stimmung zwischen Trauer und Zorn, Todessehnsucht und Lebenslust! Das als Zugabe wunderbar schwebend gesungene "Porgi amor" der "Figaro"-Gräfin machte Lust auf Anja Harteros' Verkörperung dieser Partie an der Bayerischen Staatsoper (16., 20. und 23. Mai 2009).
Auch Schrekers "Vorspiel zu einem Drama", also die um Durchführung und Reprise ergänzte Einleitung zum 1918 (vier Jahre später) uraufgeführten Musikdrama "Die Gezeichneten", weckte Begehrlichkeiten: dass man diese aufregendste und beste Oper Schrekers und eine der wichtigsten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts endlich nach fast einem Jahrhundert(!) einmal wieder am Nationaltheater erleben darf. Thielemann griff in die Vollen, ließ das Orchester aufrauschen und irrlichtern, schwelgen und glitzern.
Auch Schönbergs dreiviertelstündige Tondichtung malte er - auswendig dirigierend - in den leuchtendsten Farben, ließ manchmal die Feinzeichnung allerdings etwas zu kurz kommen und bediente sich am Ende allzu pastoser und pathetischer Klänge. Denn während Schönberg in zwei Dritteln seiner Symphonischen Dichtung dem symbolistischen Drama Maeterlincks ziemlich genau folgt, was auch gut hörend nachvollziehbar ist, folgen am Ende zwei Abgesänge; einmal den Tod Melisandes verklärend, aber auch den des (Halb-)Bruder-Mörders Golo zur Apotheose steigernd. Das verführte Thielemann zu einem doppelt aufrauschenden Finale.
Klaus Kalchschmid
Wiederholungen des Konzerts am Samstag, 18. und Sonntag 19. April (jeweils 19 Uhr). www.mphil.de