Das Münchner Kammerochester begeistert mit Lully, Biber, Schostakowitsch und Ustwolskaja
(München, 3. April 2008) Als eingeschworene, temperamentvolle und immer wieder hoch motivierte "Truppe" nutzt das Münchner Kammerorchester einmal im Jahr die Chance, seinem Publikum zu beweisen, dass es auch allein - ohne Dirigent - Kompetentes mitzuteilen hat. Zusammen mit ihrem Konzertmeister Daniel Giglberger wagten die Musiker im Prinzregententheater ein anspruchsvolles, dramaturgisch klug zusammengestelltes Programm: Schostakowitsch Opus 11 und Opus 110a dienten als Klammer für barocke Überraschungen und für das elektrisierende Klavierkonzert von Galina Ustwolskaja, die noch Schostakowitschs Schülerin war.
Alexei Lubimov attackierte am Flügel mit scharfen Staccato-Akkorden und zeigte, dass selbst in der Kadenz nur ein tropfendes Non-legato gefragt ist. Nur die Streicher durften zuweilen lyrisch-sehnsüchtig sekundieren, bevor sie im dritten Teil - von der Pauke martialisch unterstützt ? mit schroffen Figuren und perkussivem Einsatz mitwirkten und das Klavier bei seinen minimalistisch repetitiven Finalfiguren unterstützten.
Stehend und in quasi solistischer Besetzung forderten die Kammermusiker - von Olga Watts am Cembalo solide grundiert ? zum Tanz: Beim bunten Reigen aus Lullys Ballettmusiken fand die Spiellust in der lockeren Körpersprache der Musiker ihre Entsprechung und imaginierte Tanzszenen voller Schwung, Leichtigkeit oder getragener Grazie.
Mit Heinrich Ignaz Franz Bibers Battalia eroberten das MKO ein kühn und äußerst plastisch gezeichnetes Schlachtfeld. Dabei kosteten die wenigen Musiker in den Glissandi und Dissonanzen den Suff der "liederlichen Gesellschaft" aus, eröffneten die Schlacht mit aggressiven Pizzicati und huldigten dem Kriegsgott in einem schnarrenden Duett von erster Violine und Kontrabass, dessen Klang ein Bogen Papier zwischen Saiten und Hals verfremdete.
Während zur Eröffnung in Schostakowitschs aufwühlendem, in Einsätzen und Rhythmik kompliziertem, frühem Präludium und Scherzo Vitalität noch mehr zählte als Homogenität, klang in der abschließenden Kammersinfonie, seiner eigenen Grabesmusik (hier in Barshais Bearbeitung), alles vereint: Intensität paarte sich mit Ausdruck bis hinein in die subtilen Soli, den kratzigen Walzer oder das ersterbende letzte Largo. Großer Jubel.
Gabriele Luster