Fels in der Brandung

Onur Özkaya Foto: MKO

Das Münchner Kammerorchester mit Uraufführungen von Martin Jaggi und Bernhard Lang

(München, 5. März 2009) Reich gesegnet sind Kontrabassisten wahrlich nicht mit Solokonzerten. Und wer hat schon jemals eines von Dittersdorf, Hoffmeister, Pichl oder Vanhal aus dem 18. Jahrhundert gehört? Also war die Spannung groß, was sich der 31-jährige Schweizer Martin Jaggi für den großartigen Solo-Bassisten des Münchener Kammerorchesters, Onur Özkaya, einfallen ließ. "Nunatak", wörtlich "einsame Gipfel" (in der Gletscherkunde ein Fels oder Berg, der aus dem Eis ragt) hieß die viertelstündige Novität, die einen lebendigen, vielfältigen Dialog zwischen Solo-Instrument und Streichern offenbarte, bei dem auch schon mal die Grenzen zum Jazz gestreift wurden. Obwohl Özkaya keine außergewöhnlichen oder gar experimentellen Spieltechniken anwenden mussten, war er doch stets damit beschäftigt, den gesamten Umfang des Instruments auszureizen. Spannend zu verfolgen, wie da plötzlich die Bratschen oder die Celli wie ein Seismograph auf die entsprechende Lage des Basses reagierten oder umgekehrt. Dennoch hätte das Konzert auch "Fels in der Brandung" heißen können, so dominierend und führend als primus inter pares war der Bass. Zu Recht gab es danach Ovationen für den Komponisten und vor allem für Onur Özkaya, der sich mit einem schönen türkisch angehauchten Solo bedankte.

Lars Vogt, der zweite Solist des Abends, wurde am Ende zu Recht nicht minder gefeiert, hatte er doch ebenfalls mit dem Kammerorchester bewiesen, wie aufregend das Zusammenspiel zwischen Pianist und Orchester sein kann, wenn alle sich Motive und Klänge wie Bälle zuspielen, Akzente ähnlich setzen und als ein Körper fühlen, atmen und reagieren. Besonders der langsame Satz, den Vogt träumerisch und leise beginnen ließ, geriet zu einer Reise ins Innere, bevor presto vivace ein finaler, kaum zu bremsender Taumel einsetzte. Danach musizierte Lars Vogt als Zugabe wunderbar schlicht den langsamen Satz aus Mozarts C-Dur-Sonate KV 330.

Schuberts D-Dur-Symphonie, seine Dritte, hinterließ gleich zu Beginn ebenfalls den Eindruck eines ebenso zärtlich wie markant entfalteten Kosmos, bei dem das sprechend musizierte Detail im Dirigat Alexander Liebreichs immer in einem größeren Zusammenhang aufgehoben war. Der Kontrast zur Uraufführung der fast halbstündigen "Monadologie III - Lamentatio/Metamorphosis" von Bernhard Lang hätte nicht größer ausfallen können. Denn die statische Aneinanderreihung von anfangs nur drei Akkorden, fein abgewandelt mit jeweils etwas anderer Schraffur durch Viertel-, sechstel-, Achtel- und Zwölfteltönen, ließ die Komposition doch allzu sehr auf der Stelle treten. Allmählich kam in "Vision der brennenden Stadt..." - mit 15 Minuten fast so lang wie die übrigen sechs Teile zusammen - Bewegung auf, die sich in "Alb..." am Ende zu einem wahrhaftigen Albtraumdruck steigerte. Die kürzere Dresdner Fassung, die nach der Hälfte zu Ende war, hatte das Material ausgereizt und besaß in ihrer Zweiteiligkeit mit der großen "Vision..." samt Einleitung die ausgewogeneren Proportionen.

Klaus Kalchschmid