Das Münchener Kammerorchester eröffnete seine Saison 2008/2009 am Donnerstag im Prinzregententheater mit einem Programm, wie es seinem aktuellen Anspruch ansteht.
(München, 10. Oktober 2008). Zeitgenössisches kombiniert mit stilgerechten Interpretationen der Klassiker: Unter der Leitung seines Chefdirigenten Alexander Liebreich spielten die Musikerinnen und Musiker Werke von Alfred Zimmerlin und Beat Furrer sowie das Cellokonzert D-Dur von Joseph Haydn (mit dem Solisten Stephen Isserlis) und Beethovens erste Sinfonie. Starke Eindrücke hinterließ der zweite Teil des Konzerts, mit Furrer und Beethoven. Der erste wirkte ein wenig wie das Vorspiel zum Hauptteil.
Man kann wohl so viel Verständnis für das Zeitgenössische haben wie man möchte: immer noch wirkt es wie die entschlossene Negation alles Überkommen und Klassischen. Trotzdem gab es keinen Zweifel: mit zu den besten Musiken zählt die von Beethoven. Da stimmt einfach alles, die Ideen, die Entwicklung der Themen, die harmonische Spannung, der Puls, das Timing. Unter Liebreich arbeitete das Orchester in seiner kleinen, transparenten sinfonischen Besetzung all diese Elemente gestochen scharf heraus und machte wundervoll spannungsgeladene, schwungvoller Musik damit. Wieder ein Beleg mehr, wie ideal für Beethoven eine Kammerorchester-Besetzung ist, die dazu im Blech "Originalinstrumente", Trompeten und Hörner ohne Ventile, aufbietet. Sehr beachtlich auch der Pauker des Orchesters, unter dessen Schlägeln das Instrument zu solistischer Form auflief. Liebreich operierte mit entschlossenem Gestaltungswillen, gab durch klare Phrasierung der Musik Kontur und ließ dabei die Spannung einer Gesamtperspektive nie vermissen. Beethoven mit Elan auf den Punkt gebracht: so möchte man mehr davon hören.
Das Stück "antichesis" für 14 des in Österreich lebenden, aus Schaffhausen stammenden Beat Furrer war dazu der denkbar größte Kontrast. Auch hier wird Musik auf den Punkt gebracht, aber auf den Punkt des Pizzicato-Klangs. Messerscharf platzierte "Klangpunkte" konstituieren das Stück. Der Hörer ergänzt gewissermaßen aus seinem eigenen musikalischen Gedächtnis; eine (heilsame) Provokation an die Spieler wie die Hörer gleichermaßen. Nicht nur präzises Spiel ist gefragt, sondern auch engagiertes Hören. Wie Furrer Musik auf das absolut Notwendige reduziert, das ist schon virtuos gemacht - und wurde gleichsam schwerelos virtuos gespielt.
Da gönnte sich der ebenfalls schweizer Komponist Alfred Zimmerlin für seine hier uraufgeführte Auftragskomposition "Gezeiten der Zeit" für Streichorchester mehr "Stoff", also mehr Sinnlichkeit. Er arbeitet mit der Spannung aus Dissonanzen und den daraus entstehenden Neuen Klängen. Die Musiker dürfen streichen, aber auch hier ist höchst bewusster Umgang mit dem Instrument gefragt. Die Musikerinnen und Musiker agierten virtuos und präzis, das Klangbild hatte starken Charakter. Vor allem hierin liegt ein großer Wert der neuen Kompositionen: dass die Musiker nicht kritiklos einen Klang als gegeben annehmen, sondern kritisch alle Möglichkeiten ihrer Instrumente kennen und auch nutzen lernen. Das kommt dann wieder den Klassikern zu Gute.
Haydn klang dennoch erstaunlich versöhnlich, etwas zu sanft gar. Gewiss, das D-Dur-Konzert kommt mit weiter melodischer Linie und einer elegischen Haltung daher. Aber etwas weniger Schwelgen hätte es schon sein dürfen, auch von Seiten des Solisten Stephen Isserlis. Der scheint dieses Konzert, eines der wenigen in der Cello-Literatur, so gründlich zu kennen, dass er sich nicht mehr richtig darum kümmern muss. Statt knackig und entschlossen wirkte seine Spielweise entrückt und verklärt. Ohne nun zu wissen, wie das je bei Haydn selbst geklungen hat: so weich, ja schwammig kann es wohl nicht gemeint gewesen sein.
Aber am Ende des Konzerts stand ja Beethoven, und mit dem hatten Dirigent und Orchester das Publikum in solch eine gute Stimmung versetzt, dass es dann noch fröhlich zum traditionellen Auftaktempfang des Orchesters im Gartensaal strömte.
László Molnár
Mehr zum Saisonprogramm bei www.muenchener-kammerorchester.de