Die Opéra de Lyon eröffnete die Saison 2012/13 mit Verdis "Macbeth" im Setting der gierigen Finanzwelt
(Lyon, 14. Oktober 2012) Der Macht ist die soeben eröffnete Spielzeit der Opéra de Lyon gewidmet. Serge Dorny will im zehnten Jahr seiner Intendanz in Lyon sein spektakulär gestaltetes Haus zu einem Ort machen, an dem die Spannungen zwischen Macht und Ohnmacht, denen der Mensch von Geburt an ausgesetzt ist, zur Diskussion gestellt werden. Macht der Herrscher, Macht des Glaubens, Macht der Natur, die Macht des Todes und sogar - in der Oper - die Frage nach der Macht der Musik oder der des Wortes. Ein Festival im März 2013 wird sich mit "Recht und Unrecht" bechäftigen.
Den Auftakt machte am Samstag eine Oper, die wie kaum eine andere die Fährnisse der Macht zum Gegenstand hat: Verdis "Macbeth". Bekanntlich hat der shakespearsche General Macbeth, der, angetrieben durch seine Frau, durch systematisches Morden die Königswürde an sich reißt, nur kurz Freude an seiner neuen Macht-Position. Die Skrupel beginnen an ihm zu nagen, die Geister seiner Opfer suchen ihn heim, der Wahnsinn greift um sich. Letztlich war es kaum einem Tyrannen vergönnt, in Frieden, zumindest in Seelenfrieden, zu sterben. Aber was nützt das seinen Opfern? Sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi gibt es zumindest den Trost, dass der Tyrann an seiner eigenen Tyrannis zugrunde geht und dass nach ihm die Hoffnung auf Freiheit keimt. Dass immer neue Tyrannen auftauchen, ist wohl ein weiterer Beleg dafür, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt.
Wie verbreitet man die Botschaft? Musikalisch mit Solisten sowie Chor und Orchester des Opernhauses unter der Leitung des seit 2008 amtierenden Chefdirigenten Kazushi Ono - hervorragend. Ono pflegt ein aufgeklärtes Verdi-Bild, wie man es sich im Lichte der historisch informierten Aufführungspraxis wünscht. Kein "Originalklang", aber ein äußerst fein texturiertes Klangbild, in dem die Musik ihre Kraft ganz aus Verdis Satzkunst, seiner Raffinesse der Farbenmischung, seinem tiefen Verständnis für den Kontrapunkt und der fundamentalen Wirkung harmonischer Wendungen schöpft. Kein Schwulst, kein Stöhnen, kein Schluchzen, dafür ein glasklares Klingen, bei dem jeder Ton wie der Tropfen eines magischen Trankes auf die Seele wirkt. Das ist so ausgezeichnet gelungen, dass man im ohnehin schwarz ausgestatteten Zuschauerraum immer wieder gerne die Augen schließt, um nur zu lauschen, um gleichsam mit den Ohren zu schauen.
Auch die Solisten, der aus Aserbaidschan stammende Bariton Evez Abdulla in der Titelrolle, die Georgierin Iano Tamar als Lady, der Italiener Riccardo Zanellato als Banco, der Ukrainer Dmytro Popov als Macduff und, last but not least, der russische Tenor Viktor Antipenko als Duncans Sohn Malcolm musizieren auf dieser Linie: große, energiegeladene Stimmen, die mit großer Disziplin und Sinn für die Nuancen geführt werden. Es brauchte hörbar eine Weile, bis alle ihre Position gefunden hatten, bis die Stimmen in Zaum gebracht waren, aber dann saß Kazushi Onos Botschaft: Verdi ist zwar große Sangeskunst, aber es ist auch große Kunst des Zusammen-Singens und Zusammen-Musizierens.
Und so wird Verdi richtig spannend, wenn er aus der Kraft und dem Können seiner Tradition und Vorgänger schöpft und mit diesen Mitteln den Aufbruch in die Zukunft modelliert. "Macbeth", 1847 entstanden und 1865 durch weitreichende Revisionen in die heute bekannte Form gebracht, ist genau an dieser Schnittstelle. Sie erprobt mit dem "Recitativo cantando" Verdis Art der "unendlichen Melodie", während die geschlossenen Arien noch die ganze Kraft und Schönheit des italienischen "Melodramma" entfalten. Sehr gut einstudiert und geführt ist der in dieser Oper sehr bedeutende Chor. Dessen Chef Alan Woodbridge arbeitet mit dem Chor der Opéra de Lyon mehr die Tugenden eines Konzertchores heraus, vor allem Homogenität und Charakter der einzelnen Stimmgruppen. Der Ertrag ist eine lebendige Deklamation und die Wahrnehmung des Chors als ein Ensemble, das dem Orchester ebenbürtig ist.
Bei Kazushi Ono laufen alle Fäden zusammen und es ist keine Überraschung, dass gerade ein aus Japan stammender Dirigent die großen Qualitäten der Partitur herauszuarbeiten weiß. Größere Vertiefung, differenziertere Sicht auf das Innenleben ist oft japanischen Musikern zu eigen.
Bühnenregie führte der belgische Regisseur Ivo van Hove. Van Hove ist Intendant des größten Theaterensembles der Niederlande, Toneelgroep Amsterdam, und gern gesehener Gast an den Opern- und Theaterbühnen. In München zeigt er seine Arbeiten an den Kammerspielen, das erste Mal mit "Ludwig II" nach Visconti, danach Hedda Gabler. 2013 wird er dort "Seltsames Intermezzo" von Eugene O'Neill inszenieren.
"Ich habe darüber nachgedacht, was Macht heute bedeutet", wird van Hove im Kontext des "Macbeth" zitiert; "In Europa beherrschen Finanz- und Geschäftswelt die Politik." Und er bezieht sich, zusammen mit seinem Bühnenbildner Jan Versweyweld, auf einen Film, "Margin Call" von J.C. Chandor, der den Machtkampf der New Yorker Händler während der Krise 2008 zeigt. Das Macbeth-Personal sollen nun also Finanzjongleure sein, die sich erst die Konkurrenz und schließlich sich gegenseitig vom Hals schaffen. Anstatt im Schloss trifft man sich in einer Art Trading Room im 50. Stock eines Hochhauses in New York, der Blick geht statt in die Wälder Schottlands in die Schluchten der Metropole und ringsum strahlen die Bildschirme, zunächst mit Kurven, später mit Gespenstern. Zeichen der Macht sind nicht Robe und Krone, sondern Anzug und Cocktailkleid.
So weit, so gut. "In der Opernwelt muss ein Regisseur den Komponisten als ersten Regisseur anerkennen", bekennt van Hove. Das kann auch die schickste Ausstattung und der kühnste Zeitensprung nicht vergessen machen oder umgehen. Das in Musik gesetzte Werk fordert sein eigenes Recht. Es hat seine eigene Dramaturgie, zeichnet seine eigenen Personen, es führt zu eigenen Konsequenzen. Somit bleibt Verdi auch im 21. Jahrhundert und im 50. Stock Verdi, und Shakespeare bleibt Shakespeare. Es geht um den Verfall des Menschen durch die Macht. Dieser Vorgang ist zeitlos, er prägt die Geschichte der Menschheit und es ist den großen Künstlern beschieden, Momente aus der Geschichte als exemplarisch herauszugreifen, sie gleichsam an die Zeit zu heften und damit zu sagen: Seht her ihr Menschen, so war es, so ist es und so wird es immer bleiben.
Daher, ehrlich gesagt, ist es ziemlich egal, in welches Dekor man die Story steckt. Solange die Darsteller zeigen können, was mit den Menschen der Geschichte passiert und was in ihnen vorgeht, ist das nachrangig. Man hat nicht den Eindruck, dass die Szenerie in der Bankenwelt der Gegenwert irgendeinen "Mehrwert" liefern würde. Man hat eben nur vermieden, die Oper in ihrer vermeintlichen eigenen Zeit zu zeigen, was in der Regel auch nur peinlich wird. Natürlich ist es denkbar, dass ein Finanzhai seine Helfer ausschickt, den möglichen Konkurrenten (Banco), wie hier gezeigt, in der Tiefgarage abstechen zu lassen und natürlich kann es eine schick gestylte Lady im Cocktailkleid sein, die ihn zu noch mehr Gier und Morden anstiftet. Aber bei großer Kunst geht es nicht um die Oberfläche. Es geht ums Ganze.
Deshalb wird van Hoves Inszenierung immer da am stärksten, wo er die Protagonisten herausnehmen, vom Drumherum freistellen und sie gleichsam in der Nacktheit der Seele zeigen kann. In den großen Duetten von Lady und Macbeth, in den Szenen des Wahns, Macbeth im Finale des zweiten Aktes, der Szene Macbeths im dritten, der Schlafwandelszene der Lady und der darauffolgenden Szene Macbeths im vierten Akt. Da mobilisiert van Hove in den Sängern ganz die Schauspieler, damit sie mit höchster Intensität zeigen, in welche Verzweiflung die Machthaber von ihrem eigenen Wahn gestürzt werden und welche Qualen auch sie dabei durchmachen.
Sehr eindringlich gelang auch die abstrakte Darstellung der Hexen im dritten Akt. Auf den Bühnenwänden schimmert grün als wogender Nebel die Projektion von Zahlen. Aus dem Zahlennebel formen sich jene Gestalten, die Macbeth wahrnimmt und die ihm die Zukunft vorhersagen. Da gewinnt das Dekor auf einmal ästhetische Form und wird zu einer gestalterischen Größe.
Letztlich blieb van Hove nichts anderes übrig, als mit Shakespeare und Verdi bei den Menschen zu bleiben, und da er diese Kunst beherrscht, gelingen Momente großer Berührung und der Nähe zum Schicksal der an ihrer Gier gescheiterten Usurpatoren. Ob Herzöge, Diktatoren oder Finanzmakler: zum Mörder wird immer ein Mensch.
Bei seiner Bearbeitung 1865 entschied Verdi, dass am Ende das Gute siegen sollte. Bei Verdi sind es die Engländer, als Wald verkleidet. Bei van Hove ist es die Straße, die Bewegung "Occupy Wall Street". Die Occupisten erstürmen den Trading Room, breiten ihre Zelte und Transparente aus und feiern ihren jugendlichen Anführer Malcolm, dem die Tenorrolle auch in diesem Setting sehr gut steht. Wald oder Occupy, ist das die Zukunft? Das eine ist genauso fraglich wie das andere, und so bleibt auch dieser Schluss offen und vage. Wie es sich zeigt, liefert van Hoves Sicht auf "Macbeth" aber doch mehr Stoff zum Nachdenken, als die schicke Oberfläche zunächst vermuten lässt.
Laszlo Molnar
Weitere Aufführungen: 17., 19., 21., 23., 25., 27. Oktober 2012
online seit 16-10-2012