Claudio Abbado und Gustavo Dudamel eröffnen mit dem "Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar" in zwei Konzerten das Lucerne Festival zu Ostern
(Luzern, 19./20. März 2010) Claudio Abbado ist seit 1999 der Mentor des seinerzeit noch nicht "Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar" heißenden Orchesters, des heutigen Flaggschiffs der in die Hunderte gehenden Jugendorchester von Venezuela. Mehrere Monate verbringt der große Dirigent im Land, leistet Aufbauarbeit und leitete schon mehrfach das Orchester in Kuba und Caracas, auch bereits in Europa, aber noch nie bei einem internationalen, renommierten Festival - wie jetzt in Luzern.
Zur Eröffnung des diesjährigen Luzerner Oster-Festivals gab es ein durchaus anspruchsvolles, schweres Programm: neben der Skythischen Suite von Sergei Prokofjew die Symphonischen Stücke aus Alban Bergs "Lulu" und die sechste Symphonie von Peter Tschaikowsky. Brutal und "barbarisch", wie die Griechen die Skythen erlebten, klingt denn auch Prokofjews Suite. Feinsinn oder ?schliff ist da wahrlich nicht gefragt, sondern rohe Gewalt. Und es macht den im Durchschnitt gerademal 23-oder 24-Jährigen mächtig Spaß, loszulärmen, scharf geschnitten, ohne Rücksicht auf Verluste.
Da mochte man bangen um die Berg-Suite und ihre diffizile facettenreiche Spätestromantik, die der Komponist raffiniert aus reinen Zwölftonstrukturen zu kitzeln vermochte. Doch schon nach den ersten Takten Erleichterung: Denn (fast) alles war da: die Wehmut in den sehnsuchtsvollen Sexten Alwas (im Rondo und der Hymne); der schillernde 20er-Jahre-Ton; die weichen, warmen Farben; die rhythmische Präzision des Ostinatos, also des spiegelbildlich komponierten Zwischenspiels im zweiten Akt, das Lulus Verhaftung und Befreiung aus dem Gefängnis als Filmmusik vertont. Die Variationen über einen Bänkelsängerlied Wedekinds waren mit der richtigen Portion Trivialität und Leierkasten-Charme gespielt.
Anna Prohaska sang das "Lied der Lulu", wagte einen markerschütternden Todesschrei und ließ die letzten Worten der tödlich verletzten Grafin Geschwitz folgen. Selbst in diesen wenigen Minuten schuf sie zwei Charaktere nur durch die Stimme. Das größte Faszinosum war dennoch (als Zugabe!) Paminas tödlich verzweifelte Arie aus der "Zauberflöte". Und wer sich über das zunächst ausnehmend flüssige Tempo wunderte, muss sich nur die Anweisung "Tempo des Pulsschlags" zu Beginn des "Lieds der Lulu" vergegenwärtigen. Das hatte wohl Abbado bei dieser kühnen Kombination und seiner Tempowahl im Sinne und lag traumhaft richtig damit. Anna Prohaska aber sang mit wunderbarer Anmut und einer ebenso zurückhaltenden wie tief gehenden Ausdruckskraft.
Danach Tschaikowskys nicht minder todessüchtige "Pathétique". Und so gewaltig und vielschichtig der erste Satz auch ausgelotet war, der Walzer des zweiten wirkte doch arg pauschal, abgezirkelt und mechanistisch, oder war das etwa Absicht? Umso schriller, greller - und unter die Haut gehend - dann das Scherzo. Und auch im Finale wechselte gesunder, kompakter Klang mit Klängen, die davon kündeten, dass jemand keine Lust mehr hat auf das Leben und alles was damit einhergeht. Kann man einem Jugend-Orchester vorwerfen, dass es noch nicht in alle Tiefen und Abgründe einer solchen Musik vordringt?
Am zweiten Abend - nun unter Gustavo Dudamel - nochmals Tschaikowsky zu Beginn: die nicht minder düstere, gleichwohl auch effektvoll äußerliche "Orchesterfantasie nach Dante" mit dem Titel "Francesca da Rimini", ein Schmachtfetzen sondergleichen - komponiert unter dem Eindruck der Uraufführung von Wagners "Ring" in Bayreuth 1976. Wieder dürfen die Blechbläser knallen und röhren, die Streicher sind erneut stark besetzt bis an die Schmerzgrenze (13 Kontrabässe!) - insgesamt über 120 Musiker - und das rächt sich beim Fortefortissimo schon mal. Auch und gerade in der "Alpensinfonie" von Richard Strauss klingt es dann selbst in der exzellenten Akustik des KKL allzu pauschal, breit, ja breiig.
Die schöne Ausstellung im Museum der traumhaft über dem Vierwaldstätter See gelegenen Villa Wagners in Tribschen (eine halbe Stunde Fussweg von der Innenstadt entfernt) noch in frischer Erinnerung - eine Sonderausstellung über Wagners zahlreiche und ausgedehnte Hochgebirgswanderungen in der Schweiz, detailliert dokumentiert und in einem Buch kommentiert (erschienen bei Böhlau)- ist man froh, dass der Bayreuther Meister seine Naturerlebnisse nur sehr subtil in sein Werk eingehen ließ und keine Alpen-Tetralogie mit Kuhglocken, Alphörnern, Gewitter, Wasserfällen, aufsteigendem Nebel, Gletschereis und Almwiesenduft komponierte.
Gustavo Dudamel dirigierte auch die Strausssche "Alpensymphonie" auswendig und man darf staunen, wie präzise das venezolanische Jugendorchester, das auch dieses Werk zum ersten Mal überhaupt spielte, den Notentext beherrscht. Dennoch glaubte man fast durchweg einem Abziehbild zu lauschen, zu wenig Glanz besaßen die Streicher, zu plakativ tönten die Blechbläser, zu wenig plastisches Gewicht bekamen die einzelnen "Episoden". Großartig allerdings gelang - und das wiederholte den Zauber des "Pathétique"-Finales - der leise verdämmernde Schluß: "Sonnenuntergang - Ausklang - Nacht" - eine lange Stille danach und noch länger dauernde, schließlich stehende Ovationen!
Klaus Kalchschmid
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