Vera Nemirova inszeniert, Marc Albrecht dirigiert Salzburgs neue "Lulu", und der Maler Daniel Richter schuf die Bühnenbilder dazu
(Salzburg, 1. August 2010) Aufruhr im Auditorium der Felsenreitschule: Gäste, die noch ihre Plätze suchen und einige, die lauthals einen Geburtstagstoast ausbringen. Dreimal geht das so, Gelächter des Publikums, leise aufkommender Unmut und schließlich Einsatz des Orchesters vor dem dritten Akt und nun alles noch einmal - gesungen! Vera Nemirova lässt weite Teile dieses Paris-Bildes in der dreiaktigen Fassung (von Friedrich Cerha komplettiert) zwischen den Reihen des Publikums spielen und singen, mit frappierender Wirkung! Auf einmal erhält dieses Geschehen um geplatzte Aktienspekulationen, Geldgier, mehrfache Erpressung und Vergnügungssucht innerhalb einer fiktiven High Society inmitten des real reichen Salzburger Festspielpremierenpublikums eine ungewöhnliche Brisanz. Also fragt Schigolch, den die (echten) Platzanweiser nicht hereinlassen wollen, eine Dame: "Ist der Schmuck echt?", bevor er singen darf: "Ich brauche nämlich dringend Geld!" Und am Ende kann man die wertlos gewordenen Jungfrau-Aktien im Wert von 500 EROS zwischen den Stühlen aufsammeln!
Die neue Salzburger Produktion von Alban Bergs "Lulu" - fünfzehn Jahre nach der letzten im Kleinen Festspielhaus unter Michael Gielen und Peter Mussbach - ist von Anfang an handfest, farbig, konkret und griffig, soll heißen: Der Maler Daniel Richter hat als Porträt Lulus ein großformatiges, verfließendes Aquarell geschaffen, mit einer Art liegender Undine und dem Unterkörper eines vor ihr stehenden nackten Mannes in Rückenansicht. Am Ende des ersten Akts, wenn Dr. Schön, unter Lulu liegend, die ihm den Abschiedsbrief an seine Verlobte diktiert und ihm jetzt das Postskriptum in die Brust ritzt, singt er "Jetzt kommt die Hinrichtung!" Wie ein Fallbeil fährt da ein die Bühnenbreite und ?höhe füllender Vorhang herab, der ein grelles Auditorium aus neonfarbenen Gesichtern zeigt. Bis zum Beginn der Londoner Absteige sieht sich das Publikum fratzenhaft verzerrt. Aus einer schwarzglänzenden Pyramide finden die skurillen Auftritte des menschlichen Panoptikums in Schöns Haus, der dem Verfolgungswahn verfallen ist, statt. Dann fällt auch dieser Vorhang und ebenso unvermittelt ist eine skurrile antropomorphe Schneelandschaft aus Tannenbäumen zu sehen. Die Pyramide aber wird gekippt zum armseligen Zelt der zur Dirne heruntergekommenen Lulu.
In diesem surrealen Ambiente inszeniert Vera Nemirova handfest die nicht nur sexuellen Begehrlichkeiten all der Männer um Lulu, die anfangs als Engel mit Flügel auftritt - nicht wie bei Berg als Pierrot - dann in Reizunterwäsche oder elegantem Pelz, aber immer in reinem, unschuldigem Weiß. Trotz Patricia Petibons girrend leichtem Koloratursopran, ihrer Bühnenpräsenz samt intensivem Spiel bleibt Lulu ein unbeschriebenes Blatt, manchmal allzu sehr Püppchen und Kunstfigur. Aber vielleicht ist es nur logisch, dass diese Lulu ? oder Nelli, Mignon und Eva, wie sie ihre verschiedenen Männer nennen ? sich einzig über Dr. Schön definiert, den einzigen Mann, den sie wirklich liebt, von dem sie seit ihrem 15. Lebensjahr nicht loskommt und er nicht von ihr. Sadomasochistisch könnte man diese Beziehung auch nennen. Und bei Michael Volle besitzt Dr. Schön schon kraft seines markant virilen, volltönenden Baritons eine Urkraft des Männlichen, die noch im Röcheln des Todeskampfes, nachdem Lulu ihn in Notwehr erschossen hat, Furcht einflößt. Nicht minder beeindruckend die Schlussszene, wenn Jack the Ripper - als Wiedergänger Schöns ebenso von Volle gesungen - zu einer Musik, die geradezu romantisch-sinnlich die unauflösbare Bindung von Schön und Lulu verkörpert, ihr den ersehnten Tod gibt.
Aber auch Lulus übrige Männer sind in Salzburg trefflich besetzt: Etwa Pavol Breslik als jungenhafter, hübscher, unbedarfter Maler, der mit Petibon eine sinnliche, schließlich sehr eindeutige Verführungsszene singt und spielt, aber auch in der Auseinandersetzung mit Dr. Schön, der ihm die Augen öffnet über Lulus Vergangenheit und gegenwärtiges Leben, prägnant die Fassung verliert und die Balance zwischen Sprechen und Singen trifft. Oder Thomas Piffka als Alwa, Schöns Sohn, Lulu ebenso verfallen wie sein Vater, mit eher kaltem Tenorglanz, aber intensivem Spiel. Thomas Johannes Meyer eröffnete als Tierbändiger die Oper und wurde später als Athlet staunenswert wortverständlich zum Zentrum des zweiten Akts, aber auch des Paris-Bildes. Cora Burggraaf war ein bezaubernd knabenhafter, betörend singender Gymnasiast/Groom, Franz Grundheber ein düster grummelnder Schigolch. Tanja Ariane Baumgartner als lesbische Gräfin Geschwitz verströmte wunderbar warme Mezzo-Töne. Nemirova gönnte ihr, die einzig Lulu vorbehaltlos liebt und sich ihr opfert, einen großartigen Abgang: Nicht von Jack the Ripper hingemeuchelt wird sie hier, sondern singt ihr "Lulu, Mein Engel! Laß dich noch einmal sehen! Ich bin dir nah! Bleibe dir nah, in Ewigkeit!" visionär im Dunkel des Zuschauerraums und schreitet langsam aus einer der Türen ins Freie.
Marc Albrecht findet mit den Wiener Philharmonikern für die grandiose Vielschichtigkeit von Bergs Partitur in jedem Takt den richtigen Ton. Die Jazzkapelle hinter der Bühne swingt wunderbar, manch geräuschhafter Effekt wird aus der Partitur gekitzelt und alles mahlernah Gewichtige klingt nie zu pastos und doch bedeutsam in jeder Phrase. Polyphones gerät ungemein durchsichtig und plastisch, Derbes hat Schärfen und Kanten, Zartes wird nie süß.
Am Montag, 2. August (22.50 Uhr) sendet das zweite Programm des Österreichischen Fernsehens den Mitschnitt der Premiere, am Samstag, 7. August (20.15 Uhr) folgt 3SAT.
Klaus Kalchschmid
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