Nackte Tatsachen

Pornografische Aktion: Die amerikanische Sopranistin Marisol Montalvo als Lulu Foto: Theater Basel

Calixto Bieito inszeniert Alban Bergs Oper "Lulu" am Theater Basel

(Basel, 21. Januar 2209) Es gibt ja Menschen, die sagen: "Lulu, nein danke". Die Alban Bergs unvollendete Oper scheuen - gar nicht mal der Musik wegen. Doch Sex und Mord sind eben nicht das gleiche, wie die Operngrundzutaten Liebe und das schöne Sterben. Es ist überflüssig zu erörtern, dass es auch in einem "Don Giovanni" eher ums Fleischliche geht. Tatsache ist: "Lulu" stellt, 72 Jahre nach ihrer Uraufführung in Zürich, immer noch für manche ein Problem dar. Die andern, nennen wir sie die Mutigeren, haben in der Zweitvorstellung der Basler Produktion das Haus (1000 Plätze) gefüllt. Das ist hier nicht immer der Fall. Darunter befanden sich auch viele "Opernprofis", die schon so manchen Liter Kunstblut haben fließen sehen. Auch sie sollten überrascht werden.

Calixto Bieito hat in der "Lulu" seinen Stoff gefunden. Bekannt für seinen schonungslosen Stil, der statt sozio-historischen Deutungsversuchen lieber nackte Facts auf die Bühne bringt, war der Katalane schon für einige Skandal gut. Man hat sich daran gewöhnt. Daran, dass bei Bieito die Geschlechtsteile selten verborgen bleiben. Doch, ehrlich, wo würde das Nackte besser passen, als hier? Gilt Lulu doch als die Metapher für Erotik. Das latent vorhandene Begehren von Weib und Mann um sie herum bringt sie mit einem Hüftschwung zum Entbrennen.

Der Brand des Begehrens ist natürlich schon in der Musik angelegt, die vom Sinfonieorchester Basel unter der Leitung des 37-jährigen Gabriel Feltz in der besprochenen Vorstellung viel von ihrer oft gepriesenen Sinnlichkeit zeigte. Die Streicher-Soli trafen den "Lulu"-Ton genau so, wie, an vielen Stellen, das ganze Orchester. Dieses sich verselbstständigende Anschwellen im ersten Teil, das Über- und Miteinander, diese Frottage der Motive... Es ist ja keine leichte Aufgabe, die Dichte des Satzes mit den Erfordernissen, die Sänger nicht zu übertönen, in Einklang zu bringen. Feltz und die Musiker bewährten sich da bestens. Auch im langsameren, den traurigen Abstieg Lulus schildernden zweiten Teil, den Berg unvollendet hinterlassen hat.

Friedrich Cerhas komplettierende Fassung in drei Akten von 1979 wird auch in Basel gespielt. Jedoch ohne das so genannte "Paris-Bild". Da bleibt musikalisch ein Bruch erkennbar (was immerhin für Cerha spricht). Der Sprung vom zweiten Akt (Befreiung Lulus aus dem Gefängnis) direkt in das "Finale" des dritten Akts (Lulu als Prostituierte, Tod) reißt jedoch auch eine Lücke in den Erzählstrang. Man muss sich über solche Verfügungen nicht übermäßig aufregen - Striche sind im Opernbetrieb gang und gäbe. Und doch spricht die Symmetrie, die Berg im Aufbau der ganzen Oper realisiert hat, gegen einen solchen Eingriff. Eine Symmetrie über drei Stunden, die - ganz offenbar - das Formgefühl der Zuhörer erreicht.

Bieito hat den Stoff in der Gegenwart verankert. Der Maler ist Fotograf, sein Model, beinahe nackt, räkelt sich auf einem rosa Pferd. Später, Lulu ist mit Dr. Schön verheiratet und in einer dekadenten Schickeria-Gesellschaft angelangt, werden ihre Fotografien groß wie Werbeplakate von Bühnenhimmel herunterhängen. Lulu all over. Wer sie gesehen hat, ist ihr verfallen. Dass das Begehren und seine tierische Artikulation nur unter einer hauchdünnen Schicht von Konvention versteckt ist, zeigt Bieito klar im dritten Bild des ersten Akts. Im Club (Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Ingo Krügler), wo Lulu als Tänzerin auftritt, wird "Natursekt" serviert - stilecht im Champagnerglas. Die Gäste sitzen zwar brav auf ihren Stühlchen, doch die Bereitschaft zum Sprung, zum Bespringen, ist deutlich wahrnehmbar. Das ist gar nicht so weit von unserer durchsexualisierten Realität entfernt. Und Luxus schlägt auch heute noch gerne in Dekadenz um. Diese Klammer zwischen den 1930ern und dem Jetzt war nahe liegend. Gut, dass Bieito sie zeigt.

Das Nackte also: Ein Film (zur Verwandlungsmusik im zweiten Akt) bringt pornografische Aktion, die Geschwitz zeigt ihren Busen und Lulu sich selbst im Eva-Kostüm. Schockieren tut uns das nicht. Doch legt es das Geheimnis von Lulus Anziehung offen - wahrscheinlich so wie noch nie auf der Opernbühne. Es geht - ausschließlich - um Sex.
Mit der Amerikanerin Marisol Montalvo, beinahe Pop-Star und Schönheitswettbewerb-Gewinnerin, hat man in Basel eine Darstellerin gefunden, die ihre körperlichen Reize gerne zur Schau stellt. Dass sie auch noch singen kann: umso besser. Ihr kühler Sopran trifft auch die am weitesten auseinander liegenden Töne problemlos. Anrühren mag ihre Stimme aber nicht. Sie serviert uns die Töne als nackte Tatsachen, und das passt absolut ins Konzept. Die zweite große Frauenpartie, die Gräfin Geschwitz (Tanja Ariane Baumgartner), dagegen ist beseelt. Eine Figur, in deren Sehnsucht nach Lulu nicht nur sexuelles Verlangen ausgedrückt ist, sondern auch die Sehnsucht nach Liebe.

Mit Rolf Romei als Maler, Claudio Otelli als Dr. Schön, dem eingesprungenen (und in seiner Körpergröße Alban Berg stark gleichenden) Richard Decker als Komponist Alwa, mit Andrew Murphy als wildem Rodrigo, Karl-Heinz Brandt als transvestiertem Prinz und mit Allan Evans als Schigolch sind charakteristische Sängerdarsteller auf der Bühne, die das "Reigen"-hafte und die "Tierschau" von Alban Bergs Oper in aller Buntheit verkörpern.
Stimmlich überzeugten - neben Baumgartner - Romei und Evans am meisten. Darstellerisch dagegen Otelli als Dr. Schön: ein Mann, dessen Brutalität die logische Folge einer versucht unterdrückten Triebhaftigkeit ist. Wie er am Schluss die elend heruntergekommene Lulu auf einem Haufen Müllsäcke ermordet, das geht unter die Haut. Das Sexobjekt ist im Moment des Todes Mensch geworden. Da hat die Inszenierung ihren Höhepunkt erreicht, und wer danach - ob "Profi" oder nicht - nicht benommen auf den kühlen Theatervorplatz hinaustritt, hat weder Augen noch Ohren. Und ein Herz auch nicht.

Benjamin Herzog

www.theater-basel.ch