Magische Momente

Donizettis "Lucrezia Borgia" in der Münchner Produktion von Christof Loy auf DVD

Auch in der Oper ist das keine alltägliche Geschichte: Ein Monster von Mörderin und Giftmischerin wird uns schon zu Beginn von Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" als liebende Mutter präsentiert, die es einen ganzen Abend nicht wagt, sich ihrem Sohn zu offenbaren. Damit setzt sie eine Lawine in Gang, die auch zweimal verabreichtes Gegengift und das Geständnis "Tu sei un borgia - Du bist ein Borgia!" nicht stoppen kann.

Christof Loy hat das vor einem knappen Jahr in München auf karger Bühne, die nur den leuchtenden Schriftzug LUCREZIA BORGIA und ein paar Stühle kennt, mit großer Präzision inszeniert. Lucrezias Sohn Gennaro macht aus BORGIA das den Namen schändende ORGIA und besiegelt damit sein Todesurteil. Wie Christof Loy den jungen slowakischen Tenor Pavol Breslik einem Schlafwandler gleich durchs Stück schwanken und schweben lässt, ihn anfangs als Jungen zeigt, der mit weit ausgebreiteten Armen "Himmel und Hölle" hüpft und später mit gleichfalls hocherhobenen Händen rückwärts in den Tod geht, das sind - phänomenal schön und anrührend gesungen - magische Momente auch auf DVD. Altmeister Brian Large hat die Aufführungen vom Juli 2009 kongenial verfilmt - mit feinen Perspektivwechseln und Schnitten, vielen ruhigen Halbtotalen und einem untrüglichen Gespür für die Musikalität im Wechsel der Einstellungen.

Edita Gruberova ist Lucrezia und man nimmt der reifen Primadonna assoluta des Belcanto (zudem porträtiert auf einer einstündigen Bonus-DVD) die eiskalte Mörderin, die sich in Kostüm und Perücke immer wieder neu erfindet, ebenso ab wie die liebende Mutter, die den Sohn erst verlieren muss, um ihn ganz zu gewinnen, oder, wie er ihr versichert: "Mutter, auch wenn du immer fern warst, war ich doch stets nah bei dir." Noch immer vermag Gruberova mit ihrer Stimme vom gehauchten Piano bis zum wahnwitzigen hohen Es des Endes im Dienste einer Rolle zu zaubern.

Alice Coote als Orsini, der beste Freund Gennaros, und Franco Vassallo als Gatte Lucrezias ergänzen das Traumpaar zum schönen Quartett. Eine Reihe exzellenter Sänger in kleineren Rollen und der Männerchor der Bayerischen Staatsoper runden den durchweg überzeugenden musikalischen und optischen Eindruck. Auch das Staatsorchester zeigt sich unter Bertrand de Billy von seiner besten Seite. Nach "Roberto Devereux" gibt es nun ein zweites Donizetti-Highlight in der Regie von Christof Loy mit Gruberova aus München auf DVD.

Klaus Kalchschmid

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