Giftmischerin mit hohem Es

Die wollen nicht nur spielen - Edita Gruberova als Lucrezia Borgia Foto: W. Hösl

Donizettis "Lucrezia Borgia" mit Edita Gruberova und Pavol Breslik in der Regie von Christof Loy in München

(München, 23. Februar 2009) Christof Loy und Edita Gruberova mit Donizetti: Seit dem hinreißenden "Roberto Devereux" vor fünf Jahren im Nationaltheater sind die drei eigentlich für immer verschweißt. Nun also Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia": aber wer eine ähnlich präzise, psychologisch ausgefeilte Arbeit erwartet hatte, die an einem ganz konkreten Ort der Jetztzeit spielt, der sah sich enttäuscht. Denn Christof Loy reduziert in seinen Inszenierungen seither die Szene immer mehr, wie schon an den auf fast leergeräumter Bühne spielenden "Bassariden" zu erleben war - ebenfalls an der Bayerischen Staatsoper.

In "Lucrezia Borgia" gibt es nur noch ein großes Podest und dahinter eine weiß-graue Wand mit dem erleuchteten Schriftzug LUCREZIA BORGIA in großen Lettern. Unmerklich langsam bewegt sich beides nach links, bevor am Ende der Name ganz ausgelöscht - und die Wand verschwunden - ist. Schon während das Publikum seine Plätze einnimmt, füllt sich die Bühne (Henrik Ahr): mit hübschen jungen Männern in dreiviertellangen, die Waden keck freilassenden Hosen; Youngsters, die in Venedig Karneval feiern. Doch keine Spur von diesem Fest, stattdessen latente Gewalt, die sich immer wieder in fast lausbubenhaftem Necken Luft macht.

Schon mit diesem Bild umreißt Loy das ganze Drama, denn dass einer dieser Jünglinge als Rache dafür, dass Lucrezia mutmaßlich in den Tod der Väter seiner Freunde verstrickt ist, das B im Wappen am Palast der Borgias herunterreißt und zu ORGIA macht, ist der Auslöser des Dramas. Es führt zur Anklage Gennaros, der trotzig auf seiner Bestrafung besteht. Vom Gatten Lucrezias (Franco Vassallo) vergiftet, nimmt er das Gegengift, das sie ihm gibt. Später, als auch seine Freunde von Lucrezia vergiftet wurden, verweigert er dies und erfährt erst kurz vor seinem Tod, warum er sich zu dieser Lucrezia Borgia hingezogen fühlt - denn sie ist seine Mutter!

Natürlich dominiert Edita Gruberova mit ihren stupenden Gesangskünsten die Szene, setzt Spitzentöne, wie das finale dreigestrichene Es immer noch mit erstaunlicher Sicherheit. Und das Publikum verfällt darüber am Ende in einen kollektiven Jubelschrei, als hätte gerade ein Gladiator im Kolosseum einen Löwen mit bloßen Händen erwürgt. Aber das immer wieder effektheischend gesetzte, zu kernigem Forte anschwellende Piano in der Höhe, gehauchte Töne oder allzu virtuose Koloraturen, sie werden doch gelegentlich zum Selbstzweck, zerstören gar so manche Kantilene. Und in der Reduktion, die der Regisseur auch von ihr fordert, fühlt sich die Gruberova sichtlich weniger wohl als beim psychologischem Realismus à la "Roberto Devereux".
Gleich drei Perücken verpasst der Regisseur ihr, Ausdruck der Suche einer Frau nach einer neuen Identität und endend in einem letzten Auftritt im schwarzen Samtkleid und der Entfernung der letzten Perücke - wie in "Robert Devereux"!

Ein wunderbarer Coup gelingt Loy allerdings mit dem Gennaro in Gestalt von Pavol Breslik. Denn der 29-jährige Slowake - Landsmann von Gruberova - singt nicht nur, obgleich gehandikapt von einer Halsentzündung, mit wunderbarem Schmelz und großartiger Ausdruckskraft, sondern ist auch darstellerisch in jedem Moment ungemein präsent. Ob er zwischen seinen Freunden wie schlafwandelnd über die Bühne wankt, seine Mutter wie in Trance von hinten umarmt oder ganz am Ende mit hoch erhobenen Armen, als hingen diese wie bei einer Marionette magisch an Fäden, nach hinten geht und sich mit dem Rücken zum Publikum im Sterben auf einen Stuhl setzt - immer sind Sänger, Schauspieler und Rolle auf wundersame Weise identisch!

Kaum minder beeindruckend ist Alice Coote - obwohl auch sie als indisponiert angesagt wurde wegen einer Bronchitis. Denn der beste Freund Gennaros ist sein Alter Ego und ihm symbiotisch vermählt, singt zudem die schönsten Duette mit ihm - als Mezzo! Ebenso überzeugend ein Sextett junger Männer in gewichtigen Nebenrollen: die Bässe Steven Humes, Christian Van Horn und Christopher Magiera sowie die Tenöre Bruno Ribeiro, Emanuele D'Aguanno und Erik Ǻrman. Aber auch der eminent präzise (Herren-)Chor der Bayerischen Staatsoper leistet Erstaunliches.

Erst im zweiten Akt konnte Bertrand de Billy mit dem Staatsorchester die Spannung in fast jedem Takt halten - und das trotz ungewöhnlich und mutig langsamer Tempi, was auch das Publikum mit ungeteilter, mucksmäuschenstiller Aufmerksamkeit honorierte.

Klaus Kalchschmid