Eröffnung des Lucerne Festivals mit Claudio Abbado sowie Werken von Joachim Schloemer, Verena Weiss und dem "Composer in Residence" George Benjamin
(Luzern, 18. August) Es ist wie im Zug: Alle wollen einen Fensterplatz. Beim Lucerne Festival ist dieser Platz gewissermaßen das Eröffnungskonzert. Es wurde heuer dreifach geführt. Am Mittwoch, 13. August, mit dem obligaten und immer wieder originellen Eröffungsakt. Finanzminister Hans-Rudolf Merz zitierte epochale Musikkritiken, der innerschweizer Künstler Hans-Peter Litscher holte sich Protestapplaus und Joachim Schloemer präsentierte einen Ausschnitt aus seiner Festival-Premiere "in schnee". Und, ja!, danach gab es Musik (wie auch in den wiederholten "Eröffnungskonzerten" am Freitag und Samstag). Und zwar vom Besten: Claudio Abbado, das diskrete künstlerische Aushängeschild des Festivals, dirigierte das von ihm (neu) gegründete Lucerne Festival Orchestra. Ein Fensterplatz-Konzert gewiss.
Eher locker an das diesjährige Motto "Tanzmusik" gebunden, hob Abbado mit Debussys "Trois Nocturnes" an: zart und dabei in jeglicher Hinsicht hell durchleuchtet. In Maurice Ravels "Shéhérazade" glänzte die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca mit einer wunderbaren Stimmgebung und immensem Farbreichtum - auf Kosten der Diktion. Höhepunkt: Hector Berlioz' Symphonie fantastique. Die gestaute Energie der zartfühligen Impressionisten-Werke entlud sich hier. Spätestens in der überaus plastischen "Scéne aux Champs".
Weiter ging es an im Eröffnungswochenende mit einer getanzten jüdischen Hochzeit und einer melancholisch kühlen Selbstfindung mit Bach und Thomas Mann. Es wurde auf die andere Seite des Festival-Mottos "Tanzmusik" verwiesen. Denn was wäre Tanzmusik ohne Tanz? Eine blosse Behauptung. Und wenn sich ein sechswöchiges Festival schon dem Motto verschrieben hat, so ist es nahe liegend, dazu auch Choreographen einzuladen. Mit dem Tanzen betritt das Lucerne Festival neue Wege. Wege, die - ohne die Musik preiszugeben - von den starren Ritualen im Konzertsaal wegführen.
Verena Weiss, Tanzdirektorin am Luzerner Theater, hat mit "Klezmer" eine gute Stunde Tanztheater geschaffen, die so unbeschwert wie reibungslos an einem vorbeizog. Ein Paar (Yves Fournes, Marta Zollet) beschreitet und betanzt den Weg vieler Paare: es heiratet. Dafür muss man sich erst finden. Der Reigen in verschiedenen partnerschaftlichen Gruppierungen gehörte zu den sinnigsten Bildern dieses Abends: Die Mitglieder von Weiss' Luzerner Kompanie probierten sich im Kursaal des örtlichen Spielcasinos in Paarkonstellationen, warfen sich Mäntel oder Brautkleider zu, hievten mal diese, mal jene Geliebte aufs gemeinsame Stühlchen. Die Liebe: ein Glücksspiel.
Gewinn und Verlust, Freud und Leid liegen da nahe beieinander, und das vierköpfige Klezmer-Ensemble um den Klarinettisten David Orlowsky brachte dieses Ineinander-Verschlungensein der Gefühle gut zu Gehör. Zu Tisch an dieser fröhlichen (jüdischen) Hochzeit wurde schließlich das Publikum zum Mitschmaus und anschließendem Brauttanz eingeladen. Mittanztheater ohne störende Elemente.
Der Tänzer, Choreograph und Regisseur Joachim Schloemer hat letztes Jahr mit "A Clear View of Heaven" seine Visitenkarte in Luzern abgegeben. Wollten dort Musik, Tanz, Video und Schauspiel kein schlüssiges Ziel ansteuern, so führte das am Freitag uraufgeführte Stück "in schnee" auf ein solches. Wie Thomas Mann im zentralen "Schnee"-Kapitel aus dem "Zauberberg" schickte auch Schloemer seinen Protagonisten (Daniel Jaber) auf Selbstsuche. Im weiten Mantel trat er auf. Dann fuhr ihm eine Frau (Paea Leach) unter die Haut dieses Kleidungsstücks. Eine Vereinigung, die er offensichtlich nicht nur als schön empfand, sondern auch mit Erstaunen und sogar einer gewissen Verletztheit quittierte. Und die den Abend auf rätselhafte Weise prägte: Allein oder nicht allein, das ist eben die Frage.
Zweifellos solo blieben die Ausführenden von Johann Sebastian Bachs sechs Cellosuiten. (Sebastian Diezig, Mattia Zappa, David Pia), auch wenn dabei teilweise gleichzeitig gestrichen wurde. Was das sechsköpfige Ensemble dazu tanzte, bezog sich keineswegs auf die Gavotten und Menuette, sondern auf einzelne Sätze aus Manns Roman. Und selbst diese "Untertitel" brauchte der Abend nicht. Er stellte auch so - auf höchstem tänzerischen Niveau - klar, was Entfremdung und Selbstsuche, Anziehung und Abstoßung mit dem Menschen machen. Mit "in schnee" hat Schloemer sinniges und sinnvolles Tanztheater geschaffen. Aber auch die konzertante Komponente, das Spiel der Cellisten, war in erfrischender Weise ein Neuzugang. Ein möglicher Weg aus den erstarrten Ritualen des Klassikbetriebs. Zumindest eine Alternative.
Wie Schloemer in Luzern als "artiste étoile" auftritt (übrigens der erste Nicht-Musiker), so ist der englische Komponist George Benjamin diesjähriger "Composer in Residence". Als Höhepunkt seiner Residenz am Vierwaldstättersee darf man gewiss die Uraufführung seines Klavierkonzerts (30. August) erwarten sowie die Inszenierung der Kammeroper "Into the Little Hill" (23. und 24. August). Eine erste Kostprobe gab das Konzert mit dem Ensemble Intercontemporain unter der Leitung des Komponisten am Sonntag, 17. August. Werke von Landsleuten wie Harrison Birtwistle ("Cantus Iambeus") und Oliver Knussen ("Ophelia Dances") gaben den (etwas oberflächlich gespielten) Einstieg zu Benjamins Kammerorchesterstück "At First Light". Ein Werk, durch welches die "clarté" des einstigen Lehrers Olivier Messiaen mit aller Wucht strahlt. Berechtigten Applaus erntete der Pianist Hideki Nagano als Solist in Messiaens "Oiseaux exotiques" mit seinem flexiblen, leuchtenden Spiel. Das Ensemble zeigte darauf in den sorgfältig in ihrer Architektur erarbeiteten "Three Inventions" von George Benjamin seine Qualitäten: unaufgeregte Deutlichkeit, Präzision. Die drei Sätze für Kammerorchester machten noch einmal den Bezug zu Messiaen deutlich. Und die Fortentwicklung: Themen verändern sich, dramatische Prozesse überlagern sich, der Gesang des Orchesters ist flexibler, man könnte sagen, weniger dogmatisch als bei der mächtigen Übergestalt.
Das Konzert war eher schwach besucht. Stars als Anziehungspunkte fehlten, und ein Komponist ist nicht in jedem Fall ein solcher. Das mag wenig gerecht sein, verweist aber auf die nicht zu negierende "Außenseite" öffentlicher Kunstausübungen. Der Wunsch prominent dabei zu sein, am seinem Fensterplatz nicht nur zu sehen, sondern auch gesehen zu werden, ist für Festivalbesucher wohl zu verlockend. Nicht immer aber finden sich die Schönheiten nur außen.
Benjamin Herzog
www.lucernefestival.ch