"Love Letters". Giovanni Cantarini, Tenor. Ensemble "Il vero modo".
Bella Musica CTH 2538. www.bella-musica.de
Eine Stimme, von Liebe entzündet
Ein Aspekt, der bei der historischen Aufführung so genannter alter
Musik oft vernachlässigt wird, ist derjenige der Stimme. Da sitzt
beispielsweise ein Orchester aus engagierten Barockspezialisten im
Graben, geleitet von einem namhaften Dirigenten der Szene, und auf
der Bühne wird gesungen, als ob 70 Jahre Aufführungstheorie und -
praxis spurlos verstrichen wären. Was für die Oper gelten müsste (und
sicherlich teilweise auch gilt), nämlich gleicher Ansatz für
Instrument und Stimme, lässt sich in der vokalen Kammermusik offenbar
besser realisieren.
Die CD "Love Letters" jedenfalls überrascht mit einer «Liebesbriefe»
von Monteverdi, Sigismondo d'India, Frescobaldi und Carissimi
singenden Tenorstimme, die außergewöhnlich ist. Sie gehört Giovanni
Cantarini, gleichermaßen geisteswissenschaftlich ausgebildet (Philosophie und
Altphilologie) wie auch als Sänger. Solche umfassende
Bildung begnügt sich nicht mit dem Notenblatt in den Händen. Sie
unterhält vielmehr einen Forschungseifer, wie er auch dem Ensemble
"Il vero modo" zu eigen ist. Sänger und Ensemble suchten nach Quellen, nach
schriftlich fixierten Angaben, wie "man" zur Zeit Monteverdis
gesungen hat. Natürlich bietet die Rückübertragung schriftlicher
Beschreibungen, Anweisungen etc. immer einen gewissen Interpretationsspielraum.
Diesen haben allerdings auch "Barock"-Instrumentalisten,
und ihre Lösungsvorschläge wollen wir heute wohl kaum mehr missen.
Intensiv brennt sie hier: die Liebe. Das entflammte Subjekt sucht
nach Tönen und Bildern für sein Gefühl (die Texte liegen auch in
einer schönen, nicht altertümelnden deutschen, sowie
englischen Übersetzung vor). Da wird Amor bemüht, und die ganze Welt
umher ist nur noch dazu da, Analogien zu liefern, Halt zu geben dem
verlorenen Verliebten. Naturgemäß ist solches Hoffen mit tödlicher
Verzweiflung gemischt. Das kann nicht mit dem Poliertuch in der Hand
gesungen werden. Bei der ersten Begegnung, glaubt man, eine
wenig entwickelte Stimme zu hören. Wer sich allerdings loslöst von der
Vorstellung schmeichelnd gerundeter Vibratoklänge und einen zweiten
Hörversuch wagt, dürfte die Bedrängung des Verliebten deutlich
nachempfinden. Pure Schönheit, Klangideal so vieler
Interpreten, bleibt da aussen vor. Doch,
bei aller verbleibenden Zwiespältigkeit des Eindrucks, bewegend,
einnehmend, Mitgefühl erregend.
Wie gut, dass die fünf "lettere amorose" in einen strengen (und
originellen) Rahmen eingebaut sind. Und zwar in eine Vesper der
Liebe. Statt der Psalmen erklingen also die Liebesbriefe. Ihnen folgen
leichtere Villanellen, in denen die Vögel als
Liebesboten durch eine gelöste, arkadische Musik flattern. Die
Antiphonen sind durch Toccaten und Motetten aus der Zeit Monteverdis
ersetzt, in welchen das Instrumental-Ensemble von Sven Schwannberger,
Thomas Leininger, Masako Art und Brigitte Gasser auf Traversflöte,
Chitarra, Orgel, Harfe und Lirone Charaktervielfalt und Einigkeit
zeigt. Dies in einer objektiven Sprache, die von den ganzen
Liebesgluten erstaunlich unberührt bleibt.
B. Herzog