Gidons Geist und Altstaedts Cello

Nicolas Altstaedt © Marco Borggreve

Das Kammermusikfestival in Lockenhaus hält auch unter neuer Leitung, was es immer versprochen hat

(Lockenhaus, im Juli 2012) Lockenhaus bleibt auch 2012 Lockenhaus. Zwar hat Gidon Kremer die Leitung des Festivals an den Cellisten Nicolas Altstaedt abgegeben, aber irgendwie scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Das ist beileibe nicht abwertend gemeint: Lockenhaus 2012 - das ist Bach, Tango, Schubert, Schumann und neueste Musik. Die Qualität stimmt, die Musiker können sich im besten Sinn des Wortes hören lassen. Das Publikum erfährt auch heuer erst am Tag vor dem Konzert über von Hand gemalte Plakatständer, was es zu hören gibt. Nur die Journalistenschar ist größer und internationaler geworden. Nicht nur Berlin, Frankfurt und Hamburg sind angereist, sogar Istanbul ist diesmal vertreten.

Das Improvisationstalent des Festivals besteht schon in den Anfangsstunden seine erste Probe: Beim Eröffnungskonzert war ein Hornist verspätet. Was tun? Zwei verwegene Gestalten aus dem Norden kommen, mit Violine und Kontrabass bewehrt, aufs Podest der Pfarrkirche, vermelden die Panne und verkünden, dass sie nun einen finnischen Tango spielen werden, der von der Nacht auf einer Insel erzählt. Und da der Hornist auch danach noch immer nicht da ist, wird die Pause kurzerhand vorverlegt. Mozarts "Jeunehomme" Konzert mit seinem mitnehmenden zweiten Satz (in Kleinstbesetzung, aber mit Alexander Lonquich als solistischem Wegweiser) muß warten, wie das Schubert-Oktett und - weil dazwischenliegend - Jannis Xenakis wildes "Charisma"-Stück für Klarinette und Violoncello. Dieses wird mit dem nötigen Ingrimm vorgeführt vom neuen Festival-Leiter Nicolas Altstaedt und dem Schweizer Klarinettisten Reto Bieri. ("Grinding" lautet das vieldeutige englische Schlüsselwort aus der "Ilias", auf das sich der Untertitel des Stücks bezieht und den Cellisten herausfordert, diese Anweisung in unorthodoxe Bogenbewegungen zwischen fff und pppp umzusetzen.)

Der finnische Geiger, Pekka Kuusisto, hat seinen nächsten großen Auftritt am Freitag-Vormittag: Angesagt ist Barockmusik von Purcell bis zu einem vermutlich um 1685 und ebenso vermutlich in Spanien geborenen Kompo­nisten namens Andrea Falconieri. Musik, die um Stücke kreist, die aus Tanzformen wie der Passcaglia und der Chaconne heraus entwickelt wurden. Da darf natürlich Johann Sebastian Bachs d-moll-Partita BWV 1004 (mit ihrer als Encore beliebten "Ciaccona") nicht fehlen. Doch so ganz alltäglich kommt Bach in Lockenhaus nicht durch, wie schon die Ankündigung "in authen­ti­scher und improvisierter Fassung", mit Violine und "Elektronik" vermuten ließ. Das war - wenn auch etwas lang geraten - durchaus bemerkens- und hörenswert, am aufregendsten freilich im Bach´schen Original: Klar, einfach und schön, und ohne Vibrato - und daher in der einleitenden "Allemanda" schon in einem volksliedhaften Ton vorgetragen, den man sonst nie hört. Auch ein Solist kann ohne Vibrato auskommen, da schau her!

Dass auch Komponisten gefährlich leben, zeigt Fazil Say, dem im Oktober in Istanbul ein Prozess wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle droht. Freuen wir uns nicht zu naiv, dass es hierzulande so ganz anders sei: Auch bei uns hätte das noch vor gar nicht so langen Jahren Malern, Schrift­stellern und Aktionisten passieren können! Von Fazil Say ist vor einer Woche in London eine Cellosonate uraufgeführt worden, derer sich in Lockenhaus Nicolas Altstaedt und der argentinische Pianist José Gallardo annahmen. Ein kurzweiliges Werk, das von Liebe und türkischen Städten - nicht nur vom geschäftigen Istanbul, sondern auch vom anatolischen Sivas - erzählt, auch von der Liebe eines Dichters zu seiner Laute: Eine Art von orientalisch gefärbter minimal music, empha­tisch und mit vielen Noten, weil dem Komponisten wie bei seinen Auftritten auf der Bühne auch beim Schreiben das Herz übergeht.

Ein bisschen weniger exotisch und schon etwas besser entdeckt sind Tango, Piazzola und Bandoneon, die den Freitagabend bestimmen. Die Brücke zum alten Lockenhaus: Der norwegische Ausnahmemusiker Per Arne Clorvigen hat schon mit Gidon Kremer musiziert. Mit seinem Bandoneon ist er ver­wachsen, als wär's sein verlängerter Arm, ja seine außen getragene Seele. Auf die vor ihm liegenden Noten schaut er den ganzen Abend nicht. Und in den GeigerInnen Priya Mitchell und Nicolas Dautricourt und dem norwegi­schen Kontra­bassisten Knut Erich Sunquist hat er kongeniale Partner, die das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinreissen.

Vorher - nicht ohne eine erneute verspätungsbedingte Einlage, diesmal Béla Bartóks "44 Duos für zwei Violinen", die fast völlig durchgespielt werden mussten - gab's ein Wiedersehen mit dem israelischen Geiger Ivry Gitlis, einem Star der 1950er- und 60er-Jahre. Wieder alles improvisiert. Der alte Herr wusste nichts von den ursprünglichen Plänen der Veranstalter, erzählte Schnurren aus seinem Leben, spielte - knapp neunzig Jahre alt - Fritz Kreissler-Stücke und beteiligte sich an einigen Bartók-Duos.

Auch das ist Lockenhaus, wie es immer war: Am Samstag-Vormittag gab's viel Schumann zu hören, vor allem Unbekanntes, wie sein Opus 46 (Andante und Variationen für ein schräg besetztes Quintett, zwei Klaviere, zwei Violoncelli und Horn). Kein Werk, das spontane Begeisterungsstürme entfacht; lange verhalten, mit einem Hornisten, der sich hinter den Cello­stimmen versteckt und erst in den letzten Variationen solistisch in Erschei­nung tritt. Aber dann, zum Schluss, ist ein Stück zu hören, das ausserhalb aller Zeit und Form zu stehen scheint: das selten gespielte Klaviertrio op. 110, in maßstabsetzender Interpretation durch den phänomenal aufspielen­den Alexander Lonquich, Priya Mitchell an der Violine und dem jetzt schon unersetzlich scheinenden Festivalleiter am Cello. Wie die Drei die seltsame Anweisung für den Finalsatz ("Kräfig, mit Humor") umsetzten, das klang wie eine Vorahnung auf den letzten Satz von Mahlers 7. Symphonie, der von den meisten Dirigenten so falsch-auftrumpfend gespielt wird.

Und zwischendrin gab's Neues, das dem Motto des Konzerts, "Schumann Echoes", alle Ehre machte: "Hommage à R. Sch" von György Kurtág, mit einem Trio, bei dem es vermessen wäre, nur den Klarinettisten Reto Bieri zu erwähnen, der den Schlußtupfer an der Pauke setzten durfte. Der Argentinier ­José Gallardo erwies sich einmal mehr als ungemein variantenreicher Pianist und Guy Ben-Ziony verhalf der Bratsche zu ihrem stillen Recht. Mochte man hier noch meinen, die Neue Musik hülle sich in stille Noten, so belehrte einen Wolfgang Rihms auf Schumann bezogene "Fremde Szene III" eines Besseren: Dass nämlich das heute Komponierte auch kräftig zuzupacken vermag.

Lockenhaus, das ist auch weiterhin eine spannende Woche Musik in einem kleinen Ort, der früher noch mehr im burgenländischen Nirgendwo lag als heute, nahe des "Eisernen Vorhangs", der hier von Gidon Kremer und seinem  Partner Josef Herowitsch, dem Pfarrer von Lockenhaus, durchlöchert wurde, als er all seine Musiker- und Komponisten­freunde aus dem Osten und dem Norden einlud, die wir damals zum Teil nicht einmal dem Namen nach kannten. Was heuer als Innovation auffiel, war die weitgehende Absenz des Vibrato oder - vorsichtiger ausgedrückt - die große Spannweite im Gebrauch dieses Auskunftsmittels.
Solcherart belehrt fuhr der Rezensent weiter nach Wien zum Belvedere-Gesangswett­bewerb, wo Publikum, Pressejury und Theaterprofis eine schwarze Sopranistin mit wunderbar heller, geradliniger Stimme in seltener Eintracht mit Preisen bedachten. Auch das ist so selten und einmalig wie das Festival von Locken­haus.

Derek Weber


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