Schwieriges Liszt-Erbe

Wiener Akademie Foto: Lukas Beck

In Raiding im Burgenland wurde Franz Liszt geboren - auch nach dem Jubiläumsjahr 2011 will die Stadt sich als Liszt-Stadt profilieren, u.a. mit Auftritten von Stars wie Evgeny Kissin und Maurizio Pollini. Eindrücke vom ersten "Event" dieses Jahres.

(Raiding, im März 2012) Lange Zeit galt das Burgenland in jeder Hinsicht als Entwicklungsland. An der Grenze zu Ungarn am Eisernen Vorhang gelegen, war es eine Enklave der 3. Welt in Mitteleuropa, ein gleichsam agrari­sches Sperrgebiet, das Baugast­arbeiter nach Wien lieferte. Und etwas von all dem ist auch heute noch le­ben­dig. Dazu genügt es, am Abend die Hauptverkehrsadern zu verlassen und ohne Navi zu versuchen, einen der vielen kleinen Orte zu erreichen. Ob und wann man dort ankommt, ist freilich purer Zufall. Die Hinweisschilder reichen meist nur bis nächsten Ortstafel oder geben - was genauso schlimm ist - ein größeres Dorf an, ohne das Dazwischen zu beleuchten.

Wer nach Raiding will, dem geht es nicht viel besser. Am sichersten hält man sich noch immer an die Auskünfte der Einheimischen, deren man jedoch spä­testens mit Einbruch der Dämmerung kaum noch habhaft wird. Ratlos gerät man so an jeder Straßenkreuzung mit zusammengekniffenen Augen zum Verkehrshindernis.
Ist man einmal in Franz Liszts Geburtsort angelangt, fragt man sich, wie es kommen konnte, dass von diesem Ort aus vor fast 200 Jahren einer der gefei­ertsten Virtuosen des 19. Jahrhunderts seinen Sieges­zug durch Europas Metro­polen antrat. Franz Liszt - "le petit Litz", wie ihn die Pariser nannten - war der Sohn eines musikbegeisterten Schäferei-Verwalters von Fürst Ersterházys Gnaden, der - die bürgerlichen Aufstiegs­zeichen der nach-napoleonischen Zeit erkennend - mit großen Ehrgeiz seinen Sohn zum Wunderkind machte.

Dann dauerte es allerdings bis 2003, ehe solcher Ehrgeiz von Raiding und der burgenländischen Politik wieder Besitz ergriff. In diesem Jahr wurde - mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2011 - die "Franz Liszt Gesellschaft" gegründet. Schon 2006 war Liszts Geburtshaus zum Museum herausgeputzt; und im Oktober des Jahres wurde ein akustisch superber Konzertsaal für 600 Besucher eröff­net, wo man seither trotz beschränkter finanzieller Mittel und herablassendem groß­städtischem Schulterklopfen die musikalische Pflege des Meisters aus Raiding hochhält.

Am 1. Januar 2009 übernahmen die klavierspielenden Brüder Eduard und Johannes Kutrowatz die künstlerische Leitung, die ihre internationalen Er­fahrungen in das Festival einbrachten. So wurde das Liszt-Jahr 2011 erfolgreich genutzt, um die Wahrnehmung der Raidinger Aktivitäten zu steigern. "Mon­dän" kann man - auch wenn musikalische Qualität stimmt - die Rai­dinger Aktivitäten wohl immer noch nicht nennen. Nach 2011 scheint den musikali­schen Welt­markt nicht zu berühren, was hier passiert. Dem "Liszt­festival" eignet ein starker Lokalkolorit - von der Zusammen­setzung des Publikums bis zur schönen Übung, dem Konzertmeister der "Wiener Akademie" zum Schluß­applaus für Liszts "Faust-Symphonie" eine Magnumflasche Raidinger Roten zu über­reichen. Was ist dagegen - als Geste einer anrührenden persön­lichen Wert­schätzung – schon eine Mozartkogel oder eine Sachertorte?

Doch Raiding will aufholen: Zu den viermal im Jahr einberufenen saisonalen Events sollen in Zukunft große Liszt-Interpreten wie Evgeny Kissin und Maurizio Pollini kommen. Die diesbezüglichen Gespräche, versichert das Intendanten-Duo Kutrowatz, laufen jedenfalls schon. Doch der Weg nach oben ist noch weit: Er erfordert nicht bloß künstlerische Anstrengungen, sondern auch Geld­spritzen, vor allem Investitionen in die regionale Infra­struktur. Man kann die Probleme auf einer gewissen Ebene durchaus mit denen des Opernfestivals von Macerata vergleichen: Große Hotels sind ein bißchen zu weit weg, die Gastro­no­mie ist für Festivaltouristen zu erratisch. Und die großen Städte - Wien und Graz - sind ein wenig zu weit weg. Das Festival ist - wie in Macerata - in der Region gut verankert, aber das darüber hinaus­weisende Wachstums­potential ist auf mittlere Sicht begrenzt.
Was dem künstlerischen Elan keinen Abbruch tut. Im März war neben der russischen Pianistin Lilya Zilber­stein (mit Werken von Liszt und Mussorgskys in finaler Dramaturgie gemalten "Bildern einer Ausstellung") die "Wiener Akademie" unter ihrem Gründer und Dirigenten Martin Haselböck zu Gast: Das Ensemble spielt auf period instru­ments, die der Lisztschen Musik eine romantische Klangschärfe und Kontur geben, die man bei den gängigen großen Orchestern in der Regel vermißt. Und ihr gleichzeitig lyrische Qualität und eine Transparenz verleihen, die eben nur mit den alten Posaunen, Trompeten und Holzblasinstrumenten erreicht werden kann.

Gespielt wurde neben einem Marsch, dem "Fest­marsch zur Goethe-Jubiläum-Feier", der mit Sicherheit seit seiner Urauf­führung in Weimar nie mehr zu hören war, Liszts "Faust-Symphonie". Ein be­merkens­wertes Werk nicht nur von der Anlage her: Es illustriert den Faust-Stoff nicht, sondern zeichnet drei psychologische Porträts (von Faust, Gretchen und Me­phi­sto). Damit nicht genug, verwendet Liszt fürs Faust-Thema alle 12 in einer Oktave enthaltenen Töne der Tonleiter und stellt den "teuflischen" Tritonus heraus. Außerdem singt der Tenor - von einem Männerchor grundiert - am Ende der Symphonie das, was auch andere Komponisten zum Vertonen gereizt hat: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis", teuflisch exponiert und hoch, dass der unaufgewärmte Tenor (in Raiding Herbert Lippert) nicht zu beneiden ist.

Gespielt wurde mit großer Präzision und einem persönlichen Einsatz, dem man die Begeisterung für die Sache anhörte. dass das Ensemble und der Dirigent seit nunmehr über 25 Jahre zusammenarbeiten, hört man auch an der Kraft und dem Feuer, mit dem musiziert wird. Noch dazu ist Haselböck ein "Lisztomane", der schon zu DDR-Zeit in Weimar Noten des Meisters aus Raiding ausgegraben hat. Dafür, dass das Projekt im Burgenland gelandet ist, zeichnet der Zufall ver­antwortlich: Die Brüder Kutrowatz lernten Haselböck vor vielen Jahren, als es das Raidinger Liszt-Festival noch längst nicht gab, auf dem Flughafen in Ham­burg kennen. Als sie Intendanten wurden, erinnerten sie sich an die Liszt-Begeisterung des Dirigenten. 

Für den, dem der Weg ins Burgenland zu weit ist, gibt es ein probates alter­natives Not­fallprogramm: Die Einspielung aller Orchesterwerke Franz Liszts auf CD. Unter dem Titel "The Sound of Weimar" sind beim Label NCA (New Classical Adventure) vier CDs schon erschienen. Es lohnt sich, genau hinzu­hören, etwa bei "Les Préludes", die - gespielt auf Instru­menten des 19. Jahr­hunderts - allen ihnen angewachse­nen NS-Mief ver­lieren.
Für den, der das Live-Erlebnis bevorzugt, folgen im Oktober  in Raiding die "Ungarischen Rhapsodien" in der originalen Orchester­fassung von Liszt.

Derek Weber