Christian Gerhaher singt Haydn, Beethoven, Schönberg und Berg im Münchner Prinzregententheater
(München, 7. Juli 2012) Spätestens seit seiner "Winterreise" von 2002 zählt der Bariton Christian Gerhaher fraglos zu den bedeutendsten Liedsängern weltweit. Seine Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Notentext, seine stimmliche Flexibilität und Gestaltungsfreude werden zurecht gerühmt, seine hervorragende Textdeklamation und -Ausdeutung nicht minder. Nicht umsonst wird Gerhaher immer wieder als Nachfolger Dietrich Fischer-Dieskaus bezeichnet, bei dem er auch Unterricht hatte. Und mitunter erinnert er in Diktion und Stimmfärbung tatsächlich an den vor gut einem Monat erst verstorbenen Jahrhundertsänger. Auch wenn Gerhaher in Interviews durchaus Kluges über die Werke, die er interpretiert, zu sagen weiß, den philologischen Ehrgeiz Fischer-Dieskaus zeigt er (noch) nicht.
Dabei schwingt in seinen Interpretationen, so scheint es, oft auch ein gerüttelt Maß Philologie mit, mitunter hebt er auch ganz gern den didaktischen Zeigefinger.
Lieder von Liebe, Enttäuschung und Abschied von Haydn über Beethoven bis zu Schönberg und Berg sang Gerhaher jetzt bei seinem Liederabend im Rahmen der Münchner Opernfestspiele - das Programm veröffentlichte er gerade auf seiner neuen CD - und überzeugte am meisten mit Beethoven.
In dessen Liederkreis "An die ferne Geliebte" entwickelte Gerhaher einen so schlanken und klaren Ton, eine so natürlich wirkende Ausdrucksstärke und deklamatorische Prägnanz, wie man es sich nur wünschen kann. Kein übertriebenes Dramatisieren und Forcieren war hier zu hören, kein verbissenes Gründeln, sondern zart fließende Innigkeit, wie sie auch dem gelassen Verzicht übenden lyrischen Ich zu eigen ist.
Manchmal weht schon etwas Schubert herüber, etwa im dritten Lied "Leichte Segler in den Höhen" - wobei Gerhaher es glücklicherweise vermied, tatsächlich Schubertsches Pathos zu verbreiten.
Warum nur behielt er diesen wunderbar leichten Tonfall nicht auch in den Haydn-Liedern bei, sondern formte sie zu frühem Brahms? Das mutete schon etwas seltsam an, vor allem, wenn das harmlos heitere "Zufrieden" genauso verzweifelt klingt wie der nachfolgende zutiefst betrübte "Wanderer"...Das widerspricht dann doch aller Philologie.
Schönbergs ominöser Zyklus nach Stefan Georges "Buch der hängenden Gärten" von 1909 - innig-intensive, rätselhaft-verschattete Reflexionen aus den Regionen des Unbewussten über Liebe, Begehren, Abschied, Schmerz - klang bei Gerhaher seltsam bedeutungsleer. Der romantische Gestus allein - von Gerold Huber am Klavier nach Kräften produziert - war es nicht, der hier irritierte - auch wenn man dabei an das blöde Verdikt, Schönberg sei Brahms mit falschen Noten, denken mochte. Manchmal akzentuierte Gerhaher Töne, Phrasen oder einzelne Wörter entgegen ihrer eigentlichen Dramatik oder er sang jeden Ton annähernd gleich stark betont wie im elften Lied oder ging über Wesentliches ganz beiläufig hinweg, wie über die bedeutungssatten "reifen Quitten" und das onomatopoetische "Zittern der Libellen" im 14. Lied. Wie kann man das ignorieren? Der sinnliche Zauber des 5., 13. oder 15. Lieds blieb viel zu verhalten als dass man ihn hätte nachvollziehen können - sehr schade. Dann klang es wieder wie Belcanto wie im 10. Lied. Insgesamt also eine höchst eigenwillige Schönberg-Auffassung, die Gerhaher hier vorstellte - und wohl keine, die größere Gültigkeit wird beanspruchen können.
Bei Bergs "Altenberg-Liedern" in der Klavierfassung war das romantische Aus-dem-Vollen-Schöpfen dann weitaus weniger befremdlich, auch wenn man den Eindruck nicht los wurde, dass die Zweite Wiener Schule nicht wirklich Gerhahers Steckenpferd ist. (Sein unbehagliches Ruckeln mit den Schultern vor den Berg-Liedern, als würde der Anzug nicht recht passen, mochte dafür symptomatisch sein.)
Mit Beethovens "Adelaide" zum Schluss knüpfte Gerhaher erfreulicherweise noch einmal an den wunderbaren Beginn mit der "Fernen Geliebten" an. Erstaunlich, dass Licht und Schatten selbst bei einem so hervorragenden und hochmögenden Sänger so nah beieinander liegen können.
Noch zwei Bemerkungen zur veranstaltenden Bayerischen Staatsoper. Wenn schon der Text - wie es sich gehört - im Programmheft steht, dann wäre es auch schön, wenn er in einer lesbaren Schriftgröße abgedruckt wird und wenn die Lichtverhältnisse im Saal so gestaltet werden, dass man tatsächlich mitlesen kann und nicht noch eine Taschenlampe dazu braucht. Das dämliche graue Papier verringert die Lesbarkeit noch einmal.
Und den grau-schwarzen freudlosen Rückprospekt mit den langweiligen geometrischen Formen könnte man bei Gelegenheiten wie Liederabende und Solistenkonzerte auch mal gegen einen freudvolleren austauschen...
Robert Jungwirth